Über Gene, Geschichte und die Möglichkeiten der Veränderung

Deník Alarm
Über Gene, Geschichte und die Möglichkeiten der Veränderung

Der biologische Fatalismus verschleiert oft die historische Tatsache: Die Menschheitsgeschichte ist voller Zusammenarbeit, Mäßigung und der Fähigkeit, den eigenen Kurs zu ändern. Und genau darin liegt auch die Hoffnung auf eine ökologische Transformation.

Daniel Kortus von der Prager Hochschule für Chemie und Technologie gehört zu den Wissenschaftlern, die nicht im akademischen Raum verharren, sondern in gesellschaftliche Debatten über die Klimakrise eintreten. Auf seinem Social-Media-Konto Klimatomluva setzt er sich dafür ein, dass das Thema Klimawandel Teil einer breiteren bürgerlichen Verantwortung wird. In einem Umfeld wie dem tschechischen, wo akademisches Engagement noch keine Selbstverständlichkeit ist, ist dies eine Aktivität, die Unterstützung verdient.

Sicherheit lässt sich auf vielfältige Weise gestalten: durch Ansammlung von Eigentum, aber auch durch Festungen der Beziehungen, private Vorräte ebenso wie geteilte Institutionen, eine Mauer um das Grundstück, aber auch durch Vertrauen in die Nachbarn.

Und genau deshalb beeindruckt Kortus' kürliche Aussage in der Sendung Politalk, dass wir die Notwendigkeit, Eigentum anzusammeln, einfach in uns tragen: „Wir müssen uns irgendwie einschränken, und im Kern unseres Überlebens liegt es, dass wir ansammeln, unseren Reichtum erhöhen, unser Eigentum, unsere Sicherheit usw. steigern. Plötzlich sollen wir gegen unsere Natur handeln. Das ist unglaublich, unglaublich schwer.“

In der Flut der Rede kann eine solche Aussage leicht übersehen werden. Sie klingt weder provokativ noch konfrontativ. Doch gerade in solchen kleinen Bemerkungen offenbaren sich oft tiefere Annahmen unseres Denkens. Es ist kein marginales Detail, sondern ein Symptom einer bestimmten Denkweise über den Menschen, die Gesellschaft und letztlich auch die Grenzen dessen, was wir für möglich halten. Deshalb macht es Sinn, bei dieser Aussage innezuhalten. Nicht um die Aktivitäten von Daniel Kortus in Frage zu stellen, sondern um durch Reflexion seiner Äußerung das Engagement dieses Chemikers zu unterstützen. Durch die Reflexion der Vorstellung, dass die Hauptbarriere für Veränderung „unsere Gene“ seien.

Auf den ersten Blick erklärt eine einfache Abkürzung, warum es für den modernen Menschen so schwer ist, auf Wachstum und Ansammlung zu verzichten, beziehungsweise warum es schwierig ist, über Alternativen nachzudenken. Das Problem ist jedoch, dass diese Abkürzung eine tückische biologisierende Fatalismus in sich trägt. Sie vermittelt die Vorstellung, dass das gegenwärtige Wirtschafts- und Konsumregime grundsätzlich in Ordnung ist und letztlich nur eine Fortsetzung uralter evolutionärer Instinkte. Wir sind einfach so. Wir sammeln, weil es in uns liegt. Doch aus diesem Denken ergibt sich nicht nur ein bestimmtes Bild der menschlichen Natur, sondern auch eine spezielle Interpretation der Menschheitsgeschichte. Diese wandelt sich in diesem Geist zu einem langen Marsch vom Mangel zum Überfluss. Als ob zwischen unseren Vorfahren und uns Tausende Jahre kultureller Experimente, sozialer Formen oder politischer Konflikte lägen.

Eine etwas andere Geschichte

Diese Perspektive hat ihre Tradition. Sie taucht in verschiedenen Formen bereits seit der Zeit des sozialen Darwinismus im 19. Jahrhundert auf. Ihre Grundbotschaft, die auch dem Kapitalismus des 19. Jahrhunderts entspricht, lautet – Wettbewerb und Egoismus sind natürlich, Zusammenarbeit und Solidarität nur eine gelegentliche kulturelle Hülle.




Was aber, wenn uns ein genauerer Blick auf die Geschichte der Menschen etwas anderes sagt? Im Buch „Gegenseitige Hilfe: Der Faktor Evolution“ disputierte der Anarchist und Geograph Petr Kropotkin die Vorstellung, dass der Hauptmotor der Evolution Konkurrenz sei. Basierend auf naturwissenschaftlichen Beobachtungen und historischen Beispielen zeigte er, dass Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung zu den effektivsten Überlebensstrategien gehören – bei Tieren ebenso wie in der menschlichen Geschichte. Damit stellte er biologisierende Interpretationen menschlichen Verhaltens in Frage, die Egoismus und Ansammlung zum natürlichen Schicksal machen. Er schrieb dabei keine romantische Märchengeschichte über die angeborene Güte des Menschen. Vielmehr erinnerte er daran, dass Evolution nicht eindimensional ist, wie man aufgrund der verkürzten Formel „Kampf ums Überleben“ meinen könnte: Die Evolution begünstigt verschiedene Lebensweisen – und gerade Kooperation hat sich als eine der lebensfähigsten erwiesen.

Mit seinen Ansichten widersprach er dabei nicht einmal Darwin selbst. Dieser betonte in seinen späteren Texten wiederholt, dass menschliche Gruppen mit einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn und Loyalität auf lange Sicht Vorteile haben. Auch im Denken Charles Darwins ist der Mensch also nicht nur ein isolierter Maximalierer des eigenen Nutzens.

Diese Perspektive entwickeln auch die moderne Anthropologie und Archäologie noch deutlicher. Das Buch „Der Aufgang des Ganzen: Eine neue Geschichte der Menschheit“ von David Graeber und David Wengrow zeigt, dass die Menschheit im Laufe der Jahrtausende ständig mit verschiedenen Formen des Zusammenlebens experimentierte. Es gab egalitäre sowie hierarchische Gesellschaften, nomadische und sesshafte, Eigentums- und nahezu eigentumslose Gemeinschaften. Menschen konnten abwechselnd in Systemen leben, die strenge Gleichheit oder deutliche Ungleichheit förderten – oft sogar innerhalb einer einzigen Kultur.

Und schließlich – die Offenheit der Geschichte zeigt sich nicht nur in der fernen Urgeschichte oder in außer-europäischen Gesellschaften. Die deutsche Historikerin Annette Kehnel zeigt in ihrem Buch „Wir konnten auch anders: Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit“, dass auch die europäische Geschichte Beispiele für eine Wirtschaftsweise bietet, die auf Mäßigung, langfristiger Stabilität und gemeinsamer Ressourcennutzung basiert. Mittelalterliche Städte, Zünfte oder Gemeindegüter funktionierten nach ihrer Darstellung als Systeme, die die Begrenztheit natürlicher Ressourcen und die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen ernst nahmen. Es ging natürlich nicht um ideale Welten ohne Konflikte, sondern um rationale Überlebensstrategien unter Unsicherheit.

Ansammlung ist kein Schicksal

Ansammlung ist schlicht kein universeller biologischer Imperativ, sondern vielmehr eine historisch spezifische Strategie, die sich unter bestimmten Bedingungen durchsetzt und in anderen wieder verschwindet. Der moderne Kapitalismus ist kein notwendiger Höhepunkt menschlicher Natur, sondern nur eine von vielen möglichen Formen gesellschaftlicher Organisation.

Warum ist das wichtig? Weil die Art und Weise, wie wir ein Problem benennen, auch bestimmt, welche Lösungen denkbar sind. Wenn wir behaupten, dass Unfähigkeit zur Enthaltsamkeit in den Genen verankert ist, erscheint die ökologische Transformation als Kampf gegen die menschliche Natur. Als Kampf mit sich selbst. Jemand könnte daher meinen, dass es sich um einen vorab verlorenen Kampf handelt.

Wenn wir jedoch sagen, dass wir in uns ebenso tief verwurzelte Fähigkeiten zur Zusammenarbeit, Solidarität und Selbstbeschränkung tragen, ändert sich die Perspektive zum Glück. Die Veränderung ist dann kein biologisches Wunder mehr, sondern eine kulturelle und politische Aufgabe. Eine Frage der Institutionen, der Bildung, der Vorstellungskraft und anderer Werte.

Sicher, Menschen streben nach Sicherheit und Stabilität. Doch Sicherheit lässt sich auf vielfältige Weise gestalten: durch Ansammlung von Eigentum, aber auch durch Festungen der Beziehungen, private Vorräte ebenso wie geteilte Institutionen, eine Mauer um das Grundstück, aber auch durch Vertrauen in die Nachbarn. Gerade in dieser Offenheit der Möglichkeiten zeigt sich, dass es kein biologisches Schicksal ist, sondern eine kulturelle und historische Wahl.

Der Argumentation Kortus' ist es nicht notwendig, durch Polemik zu schwächen, sondern vielmehr durch eine andere Art der Unterstützung zu vertiefen – durch historische Erfahrung. Zu zeigen, dass ökologische Transformation kein Leugnen der Menschlichkeit ist, sondern eine Rückkehr zu einer ihrer Möglichkeiten: der Fähigkeit, gemeinsames Leben auf der Grundlage gegenseitiger Verantwortung zu organisieren. Enthaltsamkeit ist somit kein asketischer Heroismus, sondern eine Form der zivilisatorischen Reife – die Fähigkeit, bewusst Lebensweisen zu wählen, die nicht nur heute, sondern auch langfristig Bestand haben. Unser Problem ist also nicht, was wir „in den Genen“ haben, sondern welche Geschichten und welche Geschichte wir über uns selbst erzählen wollen.

Der Autor ist Historiker.