Unabhängiger Verlag vereint sich in Hamburg
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Seit 2014 ist Indiecon Hamburg zu einer wichtigen Plattform für unabhängige Verlage weltweit geworden und hebt Geschichten von Mut inmitten von Einschränkungen und Krieg hervor. Wie tragen solche Veranstaltungen dazu bei, vielfältige, oft fragile kreative Gemeinschaften zu unterstützen, und vor welchen Herausforderungen stehen sie bei der Finanzierung und Sichtbarkeit?
Autor: Marie-Louise Schlutius
Seit 2014 bringt Indiecon Hamburg unabhängige Magazine, Verlage, Künstler und Zine-Macher aus aller Welt zusammen. Was als Experiment der Brüder Malte und Urs Spindler begann, ist heute eine unverzichtbare Plattform für unabhängiges Verlagswesen. Mitgründer Malte Spindler spricht mehr über den Austauschbedarf, wirtschaftliche Realitäten, das Veröffentlichen während des Krieges und warum einige chinesische Magazine in einer Tragetasche reisen müssen.
Hauptbühne, "Die Form der Begierde: Eros, Ästhetik & Editorial Resistance," mit Frisson (Francesca Ceccarelli), Chéri Magazine (Gemma Ferriero), Fluffer Everyday Magazine (Sotiris Trechas), Indiecon Kurator Lubi Barre — © Malte Spindler, brueder coop
MLS: Lass uns über Finanzen sprechen. Wie finanziert ihr Indiecon?
MS: Unsere Grundlage ist hauptsächlich öffentlich gefördert von der Stadt Hamburg. Ohne diese Grundförderung wäre das Festival nicht möglich. Alles, was wir anbieten, wird subventioniert. Wir haben auch eine Handvoll Unterstützer, wie Papierhersteller, Druckereien, Händler, Webhosting-Anbieter oder digitale Werkzeuge für Verlage. In der Regel arbeitet Indiecon mit wenigen Sponsoren, einigen Hotels und Partnern aus der Stadt zusammen. Hamburg ist dafür ein sehr guter Ort. Die Stadt verfügt über eine lebendige Kulturförderlandschaft, die offen für unabhängige Initiativen ist. Sie ist groß genug, um Menschen aus dem Ausland anzuziehen, aber nicht so gesättigt wie Berlin.
Die Finanzierung ändert sich jedes Jahr. Derzeit stammen etwa die Hälfte der Mittel von kommunalen Zuschüssen, die andere Hälfte wird ungefähr gleich auf Sponsoring, Veranstaltungseinnahmen und Sachleistungen in Form von Freiwilligenarbeit aufgeteilt.
MLS: Wenn man auf Indiecon schaut, fällt die Vielfalt der Aussteller auf. Von unabhängigen Magazinen über Verlage, Zine-Macher, Buchkünstler, (Riso-)Druckstudios, digitale Veröffentlichungen bis hin zu Universitäten. Warum ist das für euch so wichtig?
MS: Wir wollten nie nur eine Art von Veröffentlichung zeigen. Manche Leute erstellen Magazine, andere Zines, wieder andere Kunstbücher oder fotografische Projekte. Es gibt etablierte Verlage und sehr kleine Initiativen. Dieser Mix ist die Energiequelle. Wenn alle dasselbe machen würden, hätten sie oft die gleichen Fragen und weniger Impulse. So treffen unterschiedliche Welten aufeinander und bereichern sich gegenseitig. Aus diesen Begegnungen sind neue Magazine, Firmen und sogar Familien entstanden.
Tabellenansicht (Aussteller abgebildet: Lafat Bordieu) — © Malte Spindler, brueder coop
MLS: Wie sieht Indiecon hinter den Kulissen aus?
MS: Die meiste Zeit arbeite ich alleine daran. Ab Frühling kommen mehr Bereiche dazu: Kuratierung, Marketing, Organisation. Im Laufe des Jahres sind wir etwa zehn Personen, hauptsächlich Freelancer, und während des Festivals unterstützen uns weitere zehn bis fünfzehn Helfer.
MLS: Und wie groß ist das Festival heute?
MS: Wir veranstalten während unseres dreitägigen Indiecon-Wochenendes im Herbst etwa einhundert Tische und einen zusätzlichen Kioskbereich mit wechselnden Ausstellern. Insgesamt nehmen rund einhundertfünfzig Aussteller aus vielen Ländern teil, und jedes Jahr begrüßen wir etwa viertausend Besucher.
MLS: Über die Messe hinaus gibt es ein Programm. Was bietet ihr an?
MS: Wir kuratieren keine Top-Down-Konferenz. Jeder Aussteller kann Vorschläge für Sessions machen: Workshops, Lesungen, Roundtables, Vorträge oder etwas Experimentelleres. Wir sammeln alle Ideen zu Beginn des Jahres und bauen daraus ein Programm, das widerspiegelt, was im Bereich des unabhängigen Verlagswesens gerade passiert. Es ist eine sehr kollaborative Struktur. Die Leute gestalten aktiv die Inhalte des Festivals mit.
Haupt Eingang von Indiecon am Oberhafen — © Malte Spindler, brueder coop
MLS: Welche Trends beobachtest du heute im unabhängigen Verlagswesen?
MS: Viele Projekte arbeiten hybrid: Newsletter, Podcasts, Community-Mitgliedschaften, kleine Druckauflagen. Das gedruckte Magazin ist zu einer Art Qualitätssiegel geworden. Es zeigt, dass jemand wirklich etwas bewegt. Manche drucken nur siebenhundert Exemplare, haben aber durch Substack oder ähnliche Plattformen starke Gemeinschaften aufgebaut. Heute ist der Druck oft das Element, das alles zusammenhält, und nicht das, das alles finanziert.
Unsere Tischnummern bei Indiecon sind gestaffelt. Für einen Standardtisch liegen die Gebühren zwischen 59 € und 249 €. Verlage können auch einen Tisch teilen.[2]
Die Finanzierung ist der größte Druckpunkt für alle, deshalb subventionieren wir alle Tische, denn sonst könnten sich viele eine Ausstellung nicht leisten. Und trotzdem schaffen es manche nicht, die Gebühr zu bezahlen. Wenn jemand schreibt, dass er zum ersten Mal nach Europa kommt, um bei Indiecon auszustellen, machen wir es möglich. Diese Menschen bereichern das Festival.
MLS: Wenn jemand heute ein kleines Verlagsfestival starten wollte, was würdest du raten?
MS: Fang so klein wie möglich an. Idealerweise mit einer bereits bestehenden lokalen Gemeinschaft. Ein Hinterhof, zehn Tische, ein paar neugierige Leute.
Hinweise
[1] Herkunft der Aussteller (2025 Zahlen): 45% Europa/international, 23% Hamburg, 32% andere deutsche Städte
[2] Die Preise sind wie folgt gestaffelt: 59 € (120 × 80 cm) – Subventionsrate für Zine-Macher, Studierende, Einzelkünstler oder Solo-Verlage mit sehr geringem Einkommen; 99 € (120 × 80 cm) – Ermäßigte Rate für Einsteiger oder für Magazine/Kollektive mit kleinem Budget; 129 € (120 × 80 cm) – Regulärer Preis für Verlage, Unternehmen oder Geschäfte, die Einnahmen aus ihren Aktivitäten generieren; 249 € (160 × 80 cm) – Großtisch, wenn mehr Platz für die Präsentation der Veröffentlichungen benötigt wird. Aussteller können sich bereits hier für einen Tisch bewerben hier.
Veröffentlicht am 7. April 2026
Über die Autorin:
Marie-Louise Schlutius ist freie Journalistin, geboren in Nürnberg. Sie studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Dresden und Berlin. Erfahrungen sammelte sie beim Goethe-Institut in Paris, durch ein Praktikum bei ZDF in New York und durch die Arbeit für die Zeitung Die Zeit in Hamburg. Seit Herbst 2025 arbeitet sie neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit im Haus der Kunst in München als Digital Communications Managerin.