Der Grenzübergang Gradiška und die Politik Bosniens der Doppelstandards
New Eastern Europe
Die Eröffnung eines neuen Grenzübergangs in Gradiška hätte ein unpolitischer Moment sein sollen, der die Verbindung symbolisieren sollte. Stattdessen hat sich ein Infrastrukturprojekt erneut in einen bosnischen politischen Machtkampf verwandelt.
Die Eröffnung des neuen Grenzübergangs in Gradiška an der Grenze zu Kroatien hätte ein unpolitischer Moment sein sollen: weniger Staus, schnellere Grenzverfahren und ein moderner Übergang zwischen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowina. Stattdessen verwandelte sich in Bosnien ein Infrastrukturprojekt erneut in einen politischen Machtkampf — und ein weiteres Beispiel für die Doppelstandards, die das Land seit Jahren lähmen.
Die jüngste Eskalation wurde zunächst durch eine echte Krise ausgelöst. Nachdem Teile der alten Brücke am bestehenden Grenzübergang über Nacht eingestürzt waren, musste der Verkehr vorübergehend eingestellt werden. Schnell bildeten sich lange Warteschlangen an der Grenze, was den Druck auf die Politiker erhöhte, den neuen Übergang so schnell wie möglich zu öffnen.
Trotzdem blieb Bosnien in seiner vertrauten politischen Logik gefangen. Während einer Notsitzung des Gremiums der indirekten Steuerbehörde konnte keine Einigung erzielt werden. Der Vertreter der Föderation Bosnien und Herzegowina, Zijad Krnjić, weigerte sich, die sofortige Eröffnung des Übergangs zu genehmigen, und forderte, dass zunächst die gesetzlich vorgeschriebenen neuen Koeffizienten für die Verteilung der Mehrwertsteuer-Einnahmen vereinbart werden müssten.
Hier liegt der Kern des Konflikts. Vertreter der Republika Srpska blockieren seit Monaten Anpassungen an die Verteilungsformel — die regelt, wie Steuereinnahmen nach regionalem Verbrauch aufgeteilt werden — obwohl diese Änderungen gesetzlich vorgeschrieben sind. Der Streit betrifft erhebliche Beträge, die der Föderation geschuldet werden. Krnjić argumentierte daher, dass die Republika Srpska nicht dauerhaft die Erfüllung staatlicher Verpflichtungen verweigern könne, während sie gleichzeitig politische Ausnahmen und Sonderregelungen fordere.
Öffentliche Darstellungen des Konflikts verzerren jedoch oft diese Realität. Krnjić blockierte den Grenzübergang nicht aus ethnischer Feindseligkeit, sondern aus Rechtsbindung. Im Wesentlichen basierte seine Position auf einem einfachen Prinzip: Staatliche Vereinbarungen und rechtliche Verpflichtungen müssen für alle gleichermaßen gelten — auch für die Republika Srpska. Doch diese Beharrlichkeit machte ihn schnell zum Ziel einer politischen und medialen Kampagne.
Der Durchbruch kam schließlich durch das bosnische Sicherheitsministerium, in dem Ivica Bošnjak, Vertreter der kroatisch-nationalistischen Partei HDZ BiH, eine temporäre Notfallgenehmigung zur Eröffnung der Tore unterzeichnete.
Der bosnische Finanzminister Srđan Amidžić von der serbisch-nationalistischen Partei SNSD stellte die Situation ganz anders dar. Nach der Eröffnung des Übergangs bezeichnete er ihn als einen "politischen Sieg" für die Republika Srpska. Seine Wortwahl war absichtlich gewählt; der Übergang war zu einem Symbol dafür geworden, wer in Bosnien politischen Druck ausüben kann — und wer nicht. Die Eskalation endete dort nicht. Amidžić griff Krnjić öffentlich an und nannte ihn "einen gewöhnlichen Muslim" anstelle eines Bosniaken. Er zog auch Vergleiche mit der Verfolgung der Juden während des Zweiten Weltkriegs und behauptete, Krnjić wolle Serben als "Zweitklass-Bürger" behandeln.
In einem Land, das noch immer tief von den Traumata des ethnischen Krieges gezeichnet ist, zeigt solche Rhetorik eines amtierenden Ministers, wie giftig die politische Kultur Bosniens noch immer ist. Gleichzeitig wurde das ursprüngliche Problem — die ungeklärten finanziellen Verpflichtungen der Republika Srpska gegenüber staatlichen Institutionen — absichtlich unter der aggressiven Rhetorik begraben.
Für viele Bosniaken und Vertreter pro-staatlicher Parteien war dies ein weiteres Beispiel für die zunehmend enge politische Ausrichtung zwischen HDZ und SNSD. Das Muster ist vorhersehbar: Wann immer Politiker aus der Republika Srpska Institutionen blockieren oder Abkommen ignorieren, schweigt HDZ entweder oder unterstützt sie indirekt. Aber sobald jemand auf die Einhaltung der bestehenden Regeln besteht, tauchen "Notlösungen" plötzlich über Nacht auf, um die Regeln zu umgehen.
Ein «Schwedisches Buffet» der Regierungsführung
Viele Bosniaken beschreiben dieses Verhalten heute mit einer bitteren Metapher: Der Staat funktioniert wie ein schwedisches Buffet. Politische Akteure nehmen nur die Institutionen, Gesetze und Kompetenzen, die ihren Interessen dienen, während sie die Pflichten, die damit verbunden sind, ablehnen. Europäische Mittel, staatliche Kompetenzen und Infrastrukturprojekte werden gerne angenommen. Aber wann immer Gerichte, Finanzregeln oder staatliche Verpflichtungen den politischen Interessen widersprechen, werden sie blockiert oder delegitimiert.
Dieses Muster ist besonders sichtbar im Krisenfall um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk des Landes, BHRT, der derzeit am Rande des finanziellen Zusammenbruchs steht. Grund ist ein jahrelanger Streit um Rundfunkgebühren. Seit 2017 sammelt der Sender der Republika Srpska, RTRS, weiterhin Gebühren, weigert sich aber angeblich, den gesetzlich vorgeschriebenen Anteil an BHRT zu überweisen. Die Schulden werden auf rund 50 Millionen Euro geschätzt.
Die Parallelen zum Grenzstreit in Gradiška sind frappierend. Wieder wird eine rechtliche Vereinbarung nicht respektiert, und wieder übt kaum politischer Druck vonseiten HDZ auf seinen strategischen Partner SNSD aus.
Doch BHRT ist viel mehr als nur ein weiterer Fernsehsender. In einem tief gespaltenen Land bleibt es eine der wenigen Institutionen, in denen Bosniaken, Kroaten und Serben noch zusammenarbeiten, und in allen drei Sprachen senden. Während des Bosnienkriegs arbeitete BHRT unter Belagerung in Sarajevo weiter und wurde zu einem Symbol für Überleben und Koexistenz.
Dass eine solche Institution jetzt wegen unbezahlter Verpflichtungen der Republika Srpska vor dem Kollaps steht, ist für viele Beobachter kein Zufall. Kritiker sehen darin zunehmend eine Strategie, die darauf abzielt, staatliche Institutionen zu schwächen. Besonders umstritten ist die Rolle der HDZ, die sich international als pro-europäische politische Kraft präsentiert, aber wiederholt politische Konstellationen unterstützt, die die institutionelle Stabilität Bosniens untergraben.
Der Fall Gradiška veranschaulicht dieses Muster perfekt. Wann immer SNSD-Interessen betroffen sind, werden Notmaßnahmen, Übergangslösungen und politische Abkürzungen plötzlich möglich. Aber wenn staatliche Institutionen auf die Umsetzung von Gesetzen bestehen, werden solche Maßnahmen als "Blockade" dargestellt. Dieser Doppelstandard vertieft das Misstrauen vieler Bosniaken gegenüber der politischen Rolle der HDZ weiterhin.
Der Fall Gradiška hebt auch die Rolle der Europäischen Union hervor. Kritiker werfen der EU-Delegation in Sarajevo vor, kurzfristige Stabilität über die Rechtsstaatlichkeit zu stellen. Trotz ungelöster finanzieller Streitigkeiten erhielt die Eröffnung des Grenzübergangs politische Unterstützung. Für viele Bosniaken entsteht so der Eindruck, dass Brüssel ethnopolitische Machtarrangements toleriert, solange sie den Frieden bewahren.
Ironischerweise wurde der neue Grenzübergang in Gradiška gebaut, um Menschen zu verbinden. Tausende reisen täglich zwischen Bosnien und Kroatien, Familien leben grenzüberschreitend, und der Handel zwischen den Ländern ist lebenswichtig. Doch in Bosnien und Herzegowina können selbst Straßen, Brücken und Grenzspuren nicht der Logik ethnischer Machtpolitik entkommen. Auf diese Weise wird ein Grenzübergang nicht nur zu einer Verbindung zwischen zwei Staaten, sondern auch zu einem Spiegel eines Landes, das noch immer mit seiner eigenen politischen Ordnung kämpft.
Erdin Kadunić ist freier Journalist und Balkan-Experte mit besonderem Interesse an den NATO- und EU-Integrationsprozessen von Bosnien-Herzegowina.