Wir sind wahrscheinlich schon erwachsen geworden. Das, was wir heute spielen, ist so ein melancholischer Aufstand.
Kapitál
Die Band Hothouse treffe ich im Pink Whale am Tag der Arbeit, eine ziemlich passende Symbolik. Wir sprechen während der Vorbands. Sergei kann mit seiner Trompete die Show stehlen, wie er Interviews gestohlen hat, Gregory und Martin verzweifeln an den Animationen, zerreißen die Gitarren. Bianca und Filip sind sich bei allem uneinig, aber ihre Bass und sein Schlagzeug stören das nicht. Hothouse klingt so, wie es ist.
Ich treffe die Band Hothouse im Pink Whale am Tag der Arbeit, eine ziemlich passende Symbolik. Wir sprechen während der Vor-Show-Sets. Sergei kann mit seiner Trompete die Show stehlen, wie er auch Interviews gestohlen hat, Gregory und Martin verzweifeln an Animationen, zerreißen Gitarren. Bianca und Filip sind sich bei allem uneinig, aber ihre Basslinie und sein Schlagzeug stören sich nicht daran. Hothouse klingt so, wie es ist.
Ich fange mal breit an. Als ich euch gehört habe, kam mir eine Parallele zum tschechischen Film Kouř (1989) von Tomáš Vorel in den Sinn. Verdunkelte, größere und alltägliche Kämpfe der Arbeiterklasse-Helden, ein Umsturz sollte eine bessere Welt bringen. Fast vierzig Jahre nach ihm ist hier Hothouse, und man kann ihn kaum lüften. Eine bessere Welt ist weit entfernt, die Frustration fordert ihren Tribut.
Martin: Wenn Kinder der neunziger Jahre wie wir alternative Musik machen, die nicht fröhlich ist, spiegeln sich darin natürlich die aktuellen Probleme wider. Und das muss nicht unbedingt offensichtlich sein, eher durch die Stimmung, die man darin spürt.
Gregory: Finally, We Are Well, Stable (2025) ist ein politisch impliziteres Projekt als das vorherige EP Light Was Brighter (2022), obwohl die Texte dort kritischer waren. Jetzt haben wir eher versucht, abstrakte Collagen zu erstellen – die sich aus persönlicher Erfahrung im System entwickeln –, anstatt nur eine trockene Kritik zu üben.
Wechselt ihr euch beim Schreiben der Texte ab?
Martin: Die meisten Texte sind von Gregory. Wenn ich jedoch versuche, etwas zu schreiben, bleiben die Texte ohne Eingriffe. Wir haben unterschiedliche Ausdrucksweisen, daher ist es ziemlich schwierig, die Manuskripte gegenseitig zu übernehmen.
Gregory: Manchmal schreiben wir auch gemeinsam. Der Text zum Song Give and Receive ist ganz Martin, ich habe nur einige Teile hinzugefügt, um einen Dialog zu schaffen. Wahrscheinlich werde ich es aber nicht thematisch irgendwie einrahmen können, wir verweisen einfach auf die Ereignisse, die uns in ihrer Brutalität und Absurdität faszinieren. Sicherlich gehört dazu die Darstellung von Instinkt, menschlicher Grausamkeit, Mobbing und anderer Gewalt. Und wir beschäftigen uns auch kritisch mit der Frage der Tierrechte – darum geht es im Song Horns.
Jeder von euch verfolgt auch einen anderen Beruf. Wie treffen diese Einflüsse in eurer Musik aufeinander?
Bianca: Puh, wir haben von Anfang an mit Gregor gut harmoniert, was Musik und Filme betrifft, und waren immer ziemlich kulturell breit aufgestellt. Ich habe oft in Clips und visuellen Arbeiten verschiedene Anspielungen eingebaut. Vielleicht ist das auch eine Art, wie unser Image abgestimmt wurde.
Martin: Es ist Automatik, wir sind nicht mehr direkt zwanzig, also können wir uns respektieren. Wir geben uns Raum, jeder bringt etwas anderes mit. An den Sachen arbeiten wir manchmal länger, weil es einfach dauert, bis es passt. Zum Glück sind wir noch ziemlich wild, um etwas voranzutreiben.
Gregory: Wir machen Sachen auch deshalb schon lange, weil wir noch andere Projekte haben. Wir arbeiten, und Bianca muss wegen Prüfungen zwischen Wien und Prag pendeln, deshalb haben wir sie nicht so regelmäßig wie möglich.
Filip: Manchmal stellen wir nach einiger Zeit fest, dass ein Track nicht funktioniert. Zwischen Entstehung und Live-Auftritt liegt ein relativ großer Zeitraum. Ich mag den Ansatz, der sich vielleicht von anderen Bands unterscheidet – der Track muss perfektioniert sein, bevor wir ihn live spielen, er reift sozusagen.
Martin: Aber das ist auch keine Regel. Auf dem Album gibt es etwa vier Sachen, die wir während eines einzigen Treffens aufgenommen haben. Vielleicht, wenn wir weniger wären, würde mehr aus der Schablone entstehen, aber bei uns lässt sich nichts vorhersagen. Zum Beispiel trägt Gregory den ganzen Track im Kopf, und wir setzen ihn dann schnell um. Das ist so interessanter, dynamischer, spaßiger.
Ihr habt wirklich im Frühjahr 2021 als Experiment begonnen, wie euer erster aufgenommener Track belegt?
Gregory: Das ist nur unser erster Streaming-Track, den uns Freunde aus der Ukraine veröffentlicht haben. Wir trafen uns zu dritt in Brünn und tauchten Gitarren in Loops, es klang wie ein schlechter Velvet Underground. Post-Punk, manchmal mit Metal-Akzenten. Jazzy, Bossa Nova, Noise-Rock… Zurück zu Filmen: Ich mochte damals sehr die Soundtracks von Lynch. Lynch wurde von Komponist Mancini inspiriert, der auch den Soundtrack zu Experiment in Terror (1962) gemacht hat. Deshalb ist Frühlingsexperiment auch eine Referenz auf den Hauptriff dieses Tracks.
Bianca: Gregor hat mit einem Freund, einem Drummer, eine Probe gefunden. Ich hatte Glück, dass die Jungs respektierten, dass ich gerade erst mit dem Bassspielen angefangen hatte. Wir wollten einfach nur spielen. Wenn ich jetzt die Sachen noch einmal höre, finde ich es mega, dass wir von diesem Spielen-Nichtspielen bis hierher gekommen sind, zu dem, was wir jetzt spielen.
Filip: Bianca hat alles intuitiv für Basslines nachgeholt. Sie denkt sich die schnell aus, ich bin fasziniert, dass sie immer beim ersten Mal passt.
Gregory: Sie hasst gerade Linien. Ich wollte noch erwähnen, dass nur Sergei und Filip ausgebildete Musiker sind. Von Anfang an haben wir unseren Weg in der New Wave gemacht, weil wir so spielen wollten, wie es eigentlich gar nicht sein sollte.
Filip: In älteren Besetzungen standen sozusagen zwei Flügel gegeneinander – das geschulte und das Punk. Manchmal muss man die Harmonie-Regeln komplett „zerschlagen“: Wir kleben etwas Cooles zusammen und lassen es so. Eine Mischung aus Romantik und Absurdität, aber es „mordet“.
Sergei: Ich würde nicht sagen, dass dich irgendeine Musiktheorie einschränken kann, weil wenn du einmal nichts zu sagen hast, ist es egal, ob du Noten kennst. Wenn du etwas zu sagen hast, hilft es dir nur. Du weißt, wie man Harmonie spielt, dissonant oder konsonant, weil du das Instrument kennst.
Der Titel Finally, We Are Well, Stable ist eine Referenz auf eine tschechische soziologische Studie über migrantische Frauen im Prekariat. Worin ist eure Musik solidarisch?
Gregory: Der Name hat mich gerade durch die Absurdität fasziniert. Die Befragte sagt, dass sie durch die Arbeit eine gewisse Stabilität erreicht hat und es ihr gut geht. Klar, dafür braucht man das Geld, aber wie viel ist das? Abgesehen von der Grundversorgung ist das für jeden unterschiedlich. Es gibt aber auch Leute, die finanziell völlig abgesichert sind und trotzdem nie genug haben.
Martin: Ich denke aber, dass man auch als so abgesicherte Person, wie kann man stabil sein, wenn in der Welt so viele schreckliche Dinge passieren? Und niemand erreicht so einen Wohlstand, ohne in irgendeiner Weise zu betrügen – du zahlst Steuern, nutzt billige Arbeitskräfte von Migrantinnen usw.
Gregory: Und jemand sagt „Endlich ist alles gut!“, das Geld ist mehr, aber dann steigen die Preise für alles. Ein zyklischer Prozess, vielleicht wird das nächste Album wirklich Wohlstand heißen.
Generationeller Wohlstand. Habt ihr manchmal das Gefühl, dass solche Aussagen und Gesten nur in unserer Blase bleiben?
Gregory: Hoffentlich nicht, aber wenn du auf deine Leute schießt, denke ich, dass die europäische Linke eine etwas ungesunde Wahrnehmung von Kritik hat. So können tief verwurzelte Traditionen vom Tisch geworfen werden, denen man aber trotzdem Aufmerksamkeit schenken sollte. Wir zerfallen, und gleichzeitig gibt es im tschechoslowakischen Raum sehr viele Themen, die gelöst werden müssen – zum Beispiel Gatekeeping oder die Überzahl an Männern auf der Szene. Ehrlich gesagt, ich kann kaum eine weibliche Metal- oder Queer-Band nennen. Auch die Multikulturalität erscheint mir imaginär, aber ich sehe, dass zumindest ukrainische Kollektive hier schon entstehen – trotz Krieg.
Bianca: Vielleicht kommen wir eines Tages an den Punkt, an dem alles so schlimm ist, dass wir daraus ein gemeinsames Bewusstsein aufbauen.
Martin: Ich finde die Aufteilung der Menschen in links und rechts wie ein Relikt. Egal, ob es um Wohnen, Klassenungleichheit, Krieg, KI geht. Wir ziehen nur an einem Seil, das eigentlich gar nicht existiert.
Filip: Übrigens würde ich wahrscheinlich nicht unterschreiben, dass wir alle aus derselben Blase kommen. Zum Beispiel würden Bianca und ich uns wahrscheinlich politisch kaum einigen, wir stammen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen.
Okay, so haben wir zumindest eine Diskurspalette. Was treibt euch trotz all des Schlechten voran, was ist euer Hopecore?
Filip: Das klingt vielleicht kitschig... Ich freue mich wirklich, dass wir zusammen spielen. Ich habe mich heute riesig darauf gefreut. Wir quatschen im Van, hören Musik und gehen dann zum Frühstück. Einfach ein Ausflug mit Freunden.
Gregory: Ich genieße dieses Rocken in der freien Welt sehr, von Bratislava nach Deutschland. Trotz allem sehe ich große Hoffnung bei den Jüngeren und den Kollektiven. Neue Bands und DIY-Räume entstehen, hier kann sich alles verbessern, wenn wir es versuchen.
Bianca: Bei den Konzerten ist es so 50/50, aber das ist meine persönliche Erfahrung. Ich freue mich auf die Kultur, auf Bücher, Filme, eher die introvertierten Sachen.
Filip: Oh, und Musik! Vor zwei Monaten war ich bei Anne von Hausswolff, das war verdammt gut. Am nächsten Morgen bin ich etwa zwei Stunden früher aufgewacht, bin aus dem Bett gesprungen und wollte sofort viele Sachen machen, so voll war ich.
Bianca: Ja, so habe ich neulich im Meter Sleep gehört, wollte sofort mit mega Gain und Verzerrung spielen.
Martin: (Im Hintergrund läuft Radio) Ich mag es sehr, dass wir dazu einen Soundtrack von Nirvana haben.
Werdet ihr beim Colours of Ostrava spielen, und euer letztes Album habt ihr unter dem Label Kabinet Records aufgenommen. Ist Hothouse im Vergleich zu euren anderen Projekten das mit dem Stempel „konventionell“?
Gregory: Für meine Familie ist es definitiv nicht konventionell.
Sergei: Mein Vater mag Hothouse, er liked jeden Beitrag.
Martin: Dabei machen wir abgesehen von minimalen Ankündigungen in den sozialen Medien kein Marketing. Es scheint, dass wir auch ohne großen Aufwand in dieser Richtung irgendwie bekannt sind, dass man uns immer wieder zum Spielen einlädt.
Gregory: Wir sprechen aber nicht über eine Schnittstelle zwischen Mainstream und Underground. Ich denke, das ist auch wegen der Struktur der Tracks fern von Konventionen. Wir haben mit harter Musik angefangen und waren mehr auf Punk-Festivals unterwegs.
Bianca: Aber da passten wir auch nicht rein. Vielleicht sind wir auch ein bisschen erwachsener geworden. Nicht, dass Punk nicht für Erwachsene wäre, aber wir hatten keine Lust mehr, nur tuc-tuc zu spielen.
Martin: Ich weiß nicht, ob das sauberer ist. Es ist eine melancholische Rebellion, eine Art Abdruck einer bestimmten Phase in der Band. Neue Sachen, an denen wir jetzt arbeiten, klingen ganz anders.
Gregory: Obwohl ich gerne Lo-Fi-Musik spiele, absichtlich im Mix versteckt, kann man das nicht ständig so machen. Vielleicht bin ich aber auch nicht core genug, um mit fünfzig nur Musik auf Kassette für 100–200 Leute zu machen. Die Prioritäten haben sich verschoben, und jetzt sind wir ein ambitionierterer Underground. Zum Beispiel sind Vinylpressungen teuer. Wenn wir einen Vertrag bei einem anderen Label hätten und innerhalb von drei Jahren drei Alben veröffentlichen müssten, würden wir das nicht schaffen. Wir haben einen guten Arbeitgeber.
Bianca: Übrigens, es nervt mich ein bisschen, dass mich in Gesprächen niemand fragt, wie es ist, in einer Band die einzige Frau mit vier Männern zu sein. Kim Gordon hat das privat gemacht.
Du hast Raum.
Bianca: Das ist manchmal nervig. Tschüss!
Der Text ist Teil des Projekts PERSPECTIVES – eine neue Marke für unabhängigen, konstruktiven und multiperspektivischen Journalismus. Das Projekt wird von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Meinungen und Standpunkte sind die Meinungen und Erklärungen des Autors/der Autoren und spiegeln nicht unbedingt die Meinungen und Positionen der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) wider. Die Europäische Union oder EACEA übernehmen keine Verantwortung dafür.