Aldous Harding: Zug auf der Insel

Kapitál
Aldous Harding: Zug auf der Insel

Exzellente, mystische, kryptische Texte und ihre sensible, elegante, schauspielerische Darbietung – das ist Aldous Harding.

Das Album der australischen Sängerin hat zu Recht die Aufmerksamkeit vieler Kritiker auf sich gezogen. Aldous Harding veröffentlichte im Mai ihr fünftes Projekt voller schöner melodischer Arrangements, vor allem aber mit hervorragenden poetischen Rätseln und Bildern. 

Ausgezeichnete, mystische, kryptische Texte und ihre sensible, elegante, schauspielerische Darbietung – das ist Aldous Harding. Sie ist in der Lage, das zu benennen, was anderen hinter einer Maske des Bewusstseins verborgen bleibt. Die Tochter der Sängerin Lorina Harding, deren Folk-Songs bei weitem nicht die Komplexität und Bizarrerie ihrer Nachfahrin erreichen, mied die Musik lange Zeit. Sie wollte Tierärztin werden, doch schließlich folgt sie den Spuren ihrer Mutter, was sie auch im ersten Track zeigt. Metaphern und Referenzen könnten stundenlang analysiert werden, eine davon ist zum Beispiel der wiederholte Vers „I’d like to fly“, der melodisch mit dem gleichen Vers im Song der Band Alice in Chains Down in a Hole harmoniert. Die Referenz hat zwei Dimensionen – erstens ist Aldous ein Künstlername, sie hat sich von Alice umbenannt. Zweitens handelt der Track Down in a Hole von einschränkenden Elternwünschen, verbunden mit der eigenen Herkunft, der erste Vers „Bury me softly in this womb“ und der folgende „Look at me now, a man who won‘t let himself be“ sprechen für sich. Der gesamte erste Track I Ate the Most beschreibt dasselbe Thema. 

In dem Song Train on the Island wird außerdem auf ein Appalachian-Lied angespielt, das von Komplikationen in der Liebe und unerfüllten Versprechen handelt. Es klingt wie eine Anspielung auf ihre Wahrnehmung, die durch Medikamente gegen ADHS beeinflusst ist. Das Zweizeiler „Men touched my leg, and I thought: React just like a girl“ ist treffend wie eine Ohrfeige, ähnliche Momente gibt es im Album unzählige. Harding ist sehr einzigartig und kämpft im Album mit ihrer Andersartigkeit. Im ersten Track spricht sie über ihren Autismus, im zweiten über ADHS, in What am I Gonna Do reflektiert sie darüber, was wäre, wenn sie niemals untersucht wird, was, wenn sie niemals „normal“ sein wird, hier spürt man die Spannung zwischen der Freiheit, sie selbst zu sein, und dem Bedürfnis nach Konformität bzw. dem Druck, sich anzupassen – den sie von allen Seiten spürt. 

Die ganze Zeit arbeitet sie mit ihrer Stimme, als wäre sie ein weiteres Instrument, gleichzeitig wechselt sie die Rollen. Das mag banal klingen, aber Harding spricht Zeilen, als kämen sie aus verschiedenen Figuren, manchmal spürt man Verzweiflung, manchmal kindliche Spielfreude. If Lady Does It hat einen repetitiven Refrain und eine Bridge, in beiden Fällen scheint jede Silbe in die Gitarre unter ihr übertragen zu sein. In den Strophen artikuliert sie nicht gründlich, spielt eher mit der Beschreibung eines Jungen vom Strand und einer leichten Abneigung. Die Worte im letzten Vers wiederholt sie siebenmal, aber man muss sie auch mehrmals hören – zum Aufnehmen. 

Die musikalischen Arrangements sind glatt, harmonisch, man kann sie in Ruhe hören, auch ohne die Tiefe der Texte zu erkennen. Melodien des synthetischen Klaviers werden von zarten Percussions begleitet, zusammen wirken sie sehr elegant. Für die Produktion ist John Parish verantwortlich, der unter anderem bei PJ Harvey mitgeholfen hat. Ihre langjährige Zusammenarbeit spiegelt sich auch in der Art wider, wie die Einfachheit des musikalischen Hintergrunds zu den intimen Texten passt. Für diejenigen, die die Live-Performance des Albums gesehen haben, wurde auch die Person Aldous sichtbar – introvertiert, etwas bizarr, ohne Filter, ohne Scham, experimentell. Das Album stellt immer wieder die Frage: Bin ich mehr komisch oder besonders?

Train on the Island ist genial und wird sicherlich auf den hohen Rängen der Jahresbestenliste erscheinen. Der Zuhörer könnte sich tagelang mit den Texten beschäftigen, aber auch einfach nur die Melodien unterwegs im Auto genießen. Harding ist eine außergewöhnliche Musikerin und Performerin, der es sich lohnt, Aufmerksamkeit zu schenken. 

Die Autorin ist Soziologiestudentin und Kulturjournalistin.