Besetzte Ukraine:  Wie Menschen in Städten überleben, die zu Todeszonen geworden sind

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Besetzte Ukraine:  Wie Menschen in Städten überleben, die zu Todeszonen geworden sind

Wassyl Bereska ist 73 Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Frau Ljudmyla konnte er nur knapp aus Oleschky entkommen, einer Stadt im russisch besetzten Teil des Gebiets Cherson, aus der seit Ende Mai 2026 kaum noch jemand herauskommt. Lebensmittel werden nicht mehr geliefert, Medikamente sind fast aufgebraucht und die Bevölkerung steht am Rand einer Hungersnot.

Oleschky liegt direkt an der Front, auf der anderen Seite des Dnipro, gegenüber von Cherson. Die Dnipro-Auen, ein dichtes Geflecht aus Flüssen, Seitenarmen und Kanälen, trennen die Stadt vom befreiten Teil der Region. Nach der Befreiung des rechten Ufers wurde das besetzte Oleschky schnell zur Basis für russische Militäreinsätze am linken Ufer. Von dort aus beschießt die russische Armee Cherson. Die ukrainischen Streitkräfte halten die Gegend ihrerseits unter Feuer und greifen russische Stellungen in der Stadt an. Von diesen Stellungen aus könnten russische Truppen weiter auf die Inseln vorrücken und bis an den Fluss gelangen. Bis Cherson wären es dann nur noch wenige Kilometer.

In Oleschky und Hola Prystan sind die Menschen seit Langem faktisch eingeschlossen. Das unterscheidet sie von vielen anderen Frontstädten auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet. Von dort kann man noch weg, und die ukrainischen Behörden rufen aktiv zur Evakuierung auf. In Oleschky dagegen ist die Zivilbevölkerung zum menschlichen Schutzschild geworden.

Schätzungen zufolge leben noch zwischen 1000 und 4000 Menschen in Oleschky. Seit dem späten Frühjahr hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Wegen der Blockade und der Minen kann niemand mehr in die Stadt fahren. Lebensmittel sind deshalb extrem knapp. Einheimische berichten außerdem, dass russische Truppen mit Drohnen zivile Fahrzeuge angreifen, die die Stadt verlassen oder Vorräte bringen wollen.

Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinez, sagt: „Die russische Seite hat nach den Verhandlungen bis heute nicht bestätigt, dass sie zu einer humanitären Evakuierungsmission bereit ist.“

Ähnlich abgeriegelt ist Hola Prystan, eine Kleinstadt 20 Kilometer weiter südlich. Auch dort verläuft die Front.

„Wir haben gebetet, uns bekreuzigt und sie angefleht, uns nicht zu töten“

Ljudmyla Bereska und ihr Mann blieben bis zuletzt in Oleschky. Die Stadt war seit den ersten Tagen der russischen Vollinvasion besetzt. Im Sommer 2023 explodierte der von Russland kontrollierte Kachowka-Staudamm. Ljudmyla erlebte mit, wie das Wasser kam. Nach Angaben der städtischen Militärverwaltung, die heute im Exil arbeitet, standen 80 Prozent der Stadt unter Wasser. Wie viele Menschen damals starben, ist bis heute unbekannt. Seitdem gibt es in Oleschky keinen Strom, kein Gas und keine zentrale Wasserversorgung mehr. Unerträglich wurde das Leben nur nach und nach, erzählt Ljudmyla. Eine Zeit lang hatten noch einige Geschäfte geöffnet. Als auch sie schlossen, mussten die Leute nach Skadowsk oder Salisnyj Port fahren, um Lebensmittel, Medikamente oder die Rente der Besatzungsbehörden zu holen. Beide Orte liegen an der Schwarzmeerküste, die ebenfalls unter russischer Kontrolle steht.

Im Dezember 2025 verminten russische Truppen die Straßen nach Oleschky, Hola Prystan und in die umliegenden Dörfer, weil sie einen ukrainischen Vorstoß befürchteten. Außerdem schränkten sie die Ein- und Ausfahrt ein. Anfang des Frühjahrs 2026 ließ die Blockade etwas nach, am 26. Mai wurde sie wieder verschärft. Der Versuch, im Juni Lebensmittel nach Oleschky zu bringen, endete tödlich: Zwei Menschen starben, als ihr Wagen auf Minen fuhr. Die Einheimischen nannten die Straße aus Oleschky bald die „Straße des Todes“ und hatten Angst, die Stadt zu verlassen.

Das Ehepaar Bereska lebte von seinen Vorräten. Ljudmyla kochte über einem Holzfeuer mit dem Brennholz, das sie für den Winter gesammelt hatten. Eine Zeit lang brachte eine Bekannte aus Nowomykolajiwka im Rajon Skadowsk, 60 Kilometer weiter südlich, Milch, Gemüse und ein paar andere Waren zum Verkauf. Auf einer dieser Fahrten fuhr ihr Schwiegersohn auf eine Mine und kam ums Leben. Danach brachte niemand mehr Lebensmittel in die Stadt.

Vasyl and Liudmyla Berezka outside their home in Mykolaiv Oblast
Wassyl und Ljudmyla Bereska vor ihrer Unterkunft im Gebiet Mykolajiw. | Foto: ©Oleh Baturin

So beschreibt Ljudmyla das Leben in Oleschky: „Schon davor flogen überall feindliche Drohnen herum. Sie machten Jagd auf Menschen, Häuser und die wenigen Autos, die wie durch ein Wunder noch heil waren. Wir hatten Angst vor den Drohnen und den Russen. Letztes Jahr am 9. Mai, ihrem ‚Tag des Sieges‘, haben die Russen herumgebrüllt und Granaten in die Höfe geworfen.“

Im Frühjahr beschlossen die Bereskas, Oleschky zu verlassen. Wer auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet will, muss mindestens 2600 Kilometer durch die von Russland besetzten Teile des Gebiets Donezk sowie durch Russland und Belarus zurücklegen. Manche Fahrdienste verlangen pro Person zwischen 450 und 500 US-Dollar, manchmal auch deutlich mehr. Freiwillige versuchen trotzdem, manche Menschen kostenlos herauszuholen.

Die Bereskas verpassten eine frühere Evakuierung mit Freiwilligen, weil das Mobilfunknetz in der Stadt ausgefallen war. Also machten sie sich auf eigene Faust auf den Weg. Das erste Ziel war das Dorf Mychajliwka im Rajon Skadowsk. Dort konnten sie vorübergehend unterkommen. Sie luden ihre Sachen in einen Anhänger und verließen am 9. Mai 2026 um acht Uhr morgens ihr Zuhause. Sie hofften, dass die von Russland angekündigte Waffenruhe zumindest während der Militärparade in Moskau halten würde.

Nach nicht einmal zehn Kilometern sahen sie einen brennenden Wagen der Marke Moskwitsch, daneben die verkohlte Leiche eines Mannes. Das Auto war wohl auf eine Mine gefahren, der Fahrer hatte offenbar noch versucht, sich zu retten. Wassyl Bereska wollte vorsichtig daran vorbeifahren. Doch das rechte Rad des Anhängers erwischte eine Mine am Straßenrand.

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„Sie ist explodiert, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte. Etwa sechs Minen sind hochgegangen. Auto und Anhänger fingen Feuer; wir sind gerade noch rausgekommen. Wir haben alles zurückgelassen. Meine Frau schnappte nur noch die Tasche mit den Papieren, und wir sind losgerannt. Nach etwa 200 Metern stürzten sich zwei Drohnen auf uns. Wohin sollten wir laufen? Wo sollten wir uns verstecken? Wir schauten zur Drohne hoch, beteten, bekreuzigten uns und flehten, dass sie uns nicht töten: ‚Seht ihr denn nicht? Wir sind doch bloß zwei Alte.‘ Dann kam eine der Drohnen kreischend direkt auf meine Frau zu. Ich konnte gerade noch rufen: ‚Ljuda, runter!‘ Die Drohne schlug einen halben Meter neben ihr ein und explodierte. Wie sie das überlebt hat, weiß nur Gott. Sie hatte viele Wunden und Splitterverletzungen. Sie war voller Blut“, sagt Wassyl Bereska.

Wassyl schaffte es, seine Frau zu einem nahegelegenen See zu ziehen und ihr etwas Blut und Dreck abzuwaschen. Ganz in der Nähe lag das Dorf Solonzi. Er half ihr bis zum ersten Haus, in dem noch jemand zu leben schien, und ließ sie dort bei einer Frau. Dann ging er auf einer Abkürzung durch Wälder und Steppe nach Mychajliwka, wo sie eigentlich unterkommen wollten. Über die asphaltierte Straße wären es fast 50 Kilometer gewesen.

Eine Reise von 3.748 km. Zwischen Oleshky und Mykolajiw liegen etwa 80 km.

Dort fand er einen Fahrer, der bereit war, seine Frau am nächsten Morgen für 3000 US-Dollar abzuholen. Er war der Einzige, der sich auf die „Straße des Todes“ nach Solonzi wagte. Das Dorf liegt fast direkt neben Oleschky. Wassyl fürchtete, dass der Fahrer einen Rückzieher machen könnte. Doch die Sorge war unbegründet. Am Morgen des 10. Mai wurde Ljudmyla nach Mychajliwka gebracht. Am Tag darauf organisierte Wassyl, dass sie ins nächste Krankenhaus kam, im besetzten Skadowsk. Dort weigerte sich das Personal, sie zu behandeln oder die Splitter zu entfernen. Ihr Leben sei „nicht in Gefahr“, hieß es. Das Paar fuhr zurück nach Mychajliwka.

„Dort haben wir uns erst mal erholt, und die Wunden meiner Frau sind ein bisschen verheilt“, sagt Wassyl Bereska. Die beiden wandten sich an Ksenija Archipowa. Die Freiwillige stammt selbst aus Oleschky und hilft seit einigen Jahren Menschen dabei, aus den besetzten Gebieten herauszukommen. Die Bereskas erfuhren, dass ein Transport ins ukrainisch kontrollierte Gebiet sie erst sieben Wochen später abholen konnte. Losgehen sollte es am 30. Juni in Skadowsk, 30 Kilometer von Mychajliwka entfernt.

Wassyl schildert den weiteren Weg genau: „Ein Taxi hat uns von Mychajliwka zum Busbahnhof in Skadowsk gebracht. Dort sind wir in einen Kleinbus eingestiegen. In Melitopol mussten wir in einen anderen Bus umsteigen. Dann ging es durch Donezk, Russland und Belarus, und am 3. Juli waren wir im Gebiet Wolyn. Dort haben uns Freiwillige empfangen, und wir sind direkt zu unserer Enkelin nach Kyjiw gefahren. Später haben wir eine Unterkunft gefunden und sind ins Gebiet Mykolajiw gezogen. Hier werden meine Frau und ich unseren Lebensabend in Ruhe verbringen.“

„Kindchen, hast du nicht ein bisschen Grütze für mich?“

Zum letzten Mal gelang es Freiwilligen am 26. Mai 2026, Menschen aus dem abgeriegelten Oleschky herauszuholen. Dabei riskierten sie ihr eigenes Leben. Seitdem gibt es keine Nachricht darüber, dass noch jemand aus der Stadt entkommen ist.

Nach dem gescheiterten Versuch im Juni folgte am Morgen des 1. September ein neuer Anlauf. Ein kleiner Konvoi mehrerer Fahrzeuge sollte Lebensmittel nach Oleschky liefern und Menschen in Sicherheit bringen. Doch kurz vor dem Ziel griffen ihn Drohnen an.

Kseniia Arkhipova
Ksenija Archipowa. | Photo: ©Oleh Baturin

Ksenija Archipowa koordiniert Lebensmitteltransporte nach Oleschky und hilft Einheimischen, die Stadt zu verlassen. Sie wurde in Oleschky geboren, ist dort aufgewachsen und blieb bis Juli 2022 in der besetzten Stadt. Heute lebt sie im Gebiet Mykolajiw. In den letzten Jahren hat sie geholfen, etwa 200 Menschen aus ihrer Heimat zu evakuieren. Am 11. Mai 2026 etwa wurden bei einer einzigen Aktion 32 Menschen gerettet.

Aus Sicherheitsgründen nennt Archipowa keine weiteren Details zur Route oder zu den Beteiligten.

Seit Mitte Mai hat sich die Situation deutlich verschärft. Lebensmittel und Medikamente gehen zur Neige. „Vielleicht müssen die Menschen bald Baumrinde essen“, sagt Archipowa. Schon im August hatten viele in Oleschky nichts mehr zu essen. Der Sommer ist vorbei, und das wenige Gemüse, das die Leute in ihren Gärten angebaut haben, ist fast aufgebraucht.

Ein Kilo Zwiebeln oder Kartoffeln kostet in Oleschky inzwischen 1000 Rubel (10 Euro). Das ist etwa 15- beziehungsweise 30-mal so viel wie im ukrainischen Durchschnitt. Zehn Eier kosten 1500 Rubel (16 Euro), rund 20-mal so viel wie im Rest des Landes. „Da herrscht richtiger Hunger. Die Leute flehen, dass man sie rausholt. Aber das geht nicht“, sagt Archipowa.

Tetjana Hasanenko leitet die Militärverwaltung der Stadt Oleschky. Sie ergänzt, dass ein Tablettenstreifen Citramon, eines der einfachsten Schmerzmittel, in der abgeriegelten Stadt 1000 Rubel (10 Euro) kostet. Genauso viel kostet ein Kilo Salz oder Zucker – auch das ist etwa 20-mal so viel wie im Rest des Landes.

„Geld ist dort eigentlich nichts wert, weil kaum jemand etwas verkauft. Die Leute überleben durch Tauschhandel. Zweieinhalb Kilo Zucker gegen zehn Eier zum Beispiel, je nachdem, wie man sich einigt. Sie graben in den Kellern, die nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms überflutet wurden, und suchen nach Eingemachtem. Neulich haben mir Leute aus Oleschky erzählt, dass sie Suppe gekocht haben: aus Zucchini, einer Tomate und zwei Eiern. Zucchini gehörten im Sommer zu den wenigen Gemüsesorten, die es dort gab. Kartoffeln, Mehl und Fleisch sind sehr knapp. Die Leute suchen nach Informationen darüber, welche Pflanzen aus der Gegend sicher essbar sind“, sagt Hasanenko.

Tetiana Hasanenko, head of the Oleshky City Military Administration
Tetjana Hasanenko. | Foto: ©Oleh Baturin

Eine Frau aus Oleschky, deren Namen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen, erzählt, wie ihre Verwandte im Sommer einer alten Frau begegnete, die gerade vom Markt kam: „Die alte Frau rief ihr zu: ‚Kindchen, ich komme gerade von dort, aber da gibt es gar nichts. Hast du nicht ein bisschen Grütze für mich, wenigstens ein halbes Kilo?‘ Meine Verwandte gab ihr Kartoffeln, Grütze und Nudeln. Die Frau holte dafür 50 Rubel (25 Hrywnja) heraus, aber meine Verwandte wollte das Geld nicht nehmen. Die alte Frau hat sich noch lange bedankt und sie gesegnet.“

Hasanenko berichtet, dass auch russische Soldaten unter Nahrungsmangel leiden. Deshalb stehlen sie den Menschen die letzten Vorräte. Ein Mann aus Oleschky erzählte ihr, dass man ihm die Lebensmittel aus dem Haus geholt hat, während er nur zwanzig Minuten weg war.

Auch im benachbarten Hola Prystan, das ebenfalls abgeriegelt ist, hat sich die Situation stark verschlechtert. Vor dem Beginn des russischen Angriffskriegs lebten dort etwa 14.000 Menschen; heute sind es weniger als 2000. Seit August fährt kein Kleinbus mehr von Hola Prystan nach Salisnyj Port. Geblieben sind vor allem ältere Menschen und Männer im wehrfähigen Alter, sagt Switlana Linnyk, Leiterin der Militärverwaltung der Stadt. Die Männer haben Angst vor den Kontrollpunkten der Besatzer. Deshalb bleiben oft auch ihre Frauen und Kinder in der eingeschlossenen Stadt.

Oleshky l Screenshots from a video from the 34th Marine Brigade of the Armed Forces of Ukraine
Oleschky. | Screenshot aus einem Video der 34. Marinebrigade der ukrainischen Streitkräfte

Über offizielle wie inoffizielle Kanäle ruft Linnyk die Menschen aus ihrer Stadt ständig auf, die besetzte Gemeinde bei der ersten Gelegenheit zu verlassen. Doch selbst die eigenen Angehörigen konnte sie erst in diesem Jahr überzeugen. „In manchen Familien gibt es deswegen Streit“, sagt sie. „Die Kinder flehen ihre Eltern an, Hola Prystan zu verlassen, und sind bereit, alles für sie zu organisieren. Doch die Eltern weigern sich: ‚Wem sollen wir die zwanzig Hunde und zwanzig Katzen überlassen, die bei uns Zuflucht gefunden haben?‘“

Die Repressionen gehen weiter

Die humanitäre Lage verschlechtert sich schnell. Trotzdem setzten die Besatzungsbehörden ihre Repressionen gegen die Zivilbevölkerung den ganzen Sommer über fort. Gesucht wird vor allem, wer Angehörige in der ukrainischen Armee hat. Ksenija Archipowa steht regelmäßig mit Leuten in Oleschky in Kontakt und berichtet, dass russische Soldaten Razzien durchführen, Menschen verschleppen und foltern. Besonders gefährdet sind jene, deren Angehörige in den ukrainischen Streitkräften dienen. Archipowa erzählt, was einem Bekannten von ihr passiert ist. Seinen Namen nennt sie aus Sicherheitsgründen nicht.

„Er hat sich erschossen, weil die Russen ihn erpresst haben. Leute vom russischen Geheimdienst FSB haben seine Eltern im besetzten Teil des Gebiets Cherson ausfindig gemacht. Dann schickten sie dem Sohn eine Nachricht: Sie würden seine Mutter vergewaltigen und erschießen, wenn er ihnen nicht seinen Standort durchgibt. Er konnte das nicht ertragen und hat sich das Leben genommen“, sagt Archipowa.

Laut Angaben der Freiwilligen versuchen Männer im wehrfähigen Alter, aus dem besetzten Teil des Gebiets Cherson zu fliehen. Viele haben Einberufungsbescheide der russischen Armee erhalten. Derzeit gelingt es ihnen noch, die besetzten Gebiete unter großen Schwierigkeiten zu verlassen. Doch Archipowa macht sich Sorgen, dass es bald zu spät sein könnte: „Ich weiß nicht, wie ich die Menschen unter Besatzung erreichen soll. Sie sollen fliehen, um sich und ihre Angehörigen nicht in Gefahr zu bringen. Oder zumindest an einen Ort ziehen, wo sie eine Chance auf Überleben haben.“


„Für die Zivilbevölkerung gibt es im Krieg keinen Platz. Denn im Krieg dreht es sich darum, Gebiete um jeden Preis zu erobern. Deshalb haben wir alle, die noch unter Besatzung leben, aufgefordert, bei der ersten Gelegenheit zu fliehen. Und wir tun es weiter“, Tetjana Hasanenko


Archipowa fürchtet, dass die Menschen in Oleschky nahezu zum Tod verurteilt sind. Sie könnten durch Hunger, Minen, Drohnen, Beschuss oder die winterliche Kälte ums Leben kommen. Sie erinnert sich daran, dass einige Ältere den letzten Winter nicht überlebten, weil es keine Heizung gab. In ihren Wohnungen war die Temperatur nicht höher als zwei bis fünf Grad. Auch in Hola Prystan sind nach Angaben der örtlichen Behörden schon Menschen erfroren oder verhungert. Doch in den eingeschlossenen Städten sterben die Menschen auch aus anderen Gründen.

„Männer nehmen sich oft das Leben. Manche erhängen sich, andere erschießen sich. Sie halten es nicht aus. Es gibt keine Arbeit, kein Leben, nichts. Alle Leichen werden ins besetzte Rathaus von Hola Prystan gebracht, das jetzt als Leichenhalle dient. Dort liegen sie monatelang, weil es extrem schwer ist, eine Sterbeurkunde und eine Bestattungserlaubnis zu bekommen. Auf dem Friedhof kann man überhaupt niemanden beerdigen. Der Weg dorthin ist vermint, und Drohnen machen dort Jagd auf Menschen. Es gibt auch nichts mehr, womit man die Toten dorthin bringen könnte. Die Russen haben fast alle Fahrzeuge zerstört. Seit Anfang 2025 veranstalten sie eine regelrechte ‚Safari‘ auf zivile Autos und schießen ununterbrochen darauf“, erklärt Switlana Linnyk, die Leiterin der Militärverwaltung von Hola Prystan.

Svitlana Linnyk, head of the Hola Prystan City Military Administration
Svitlana Linnyk. | Foto: ©Oleh Baturin

Auch Tetjana Hasanenko, eine Vertreterin der ukrainischen Lokalbehörden, erzählt von einer überfüllten Leichenhalle in Oleschky. Nur ist das keine richtige Leichenhalle. Die Toten liegen in den Kellern des städtischen Krankenhauses. Nach unbestätigten Angaben der örtlichen Militärverwaltung sollen dort etwa 100 Leichen liegen, manche schon seit dem Winter.

Stirbt jemand außerhalb eines Krankenhauses, müssen die Angehörigen die Leiche selbst nach Kalantschak bringen, berichten die befragten Frauen. Die Siedlung liegt im benachbarten Rajon Skadowsk, fast 70 Kilometer von Oleschky entfernt. Dort arbeitet die nächste Rechtsmedizin der Besatzungsbehörden. Ohne deren Gutachten stellen die Russen keine Bestattungserlaubnis aus. Nach der Untersuchung geben die Behörden die Leiche in Folie gewickelt zurück. Die Angehörigen beerdigen sie in einer etwa einen Meter tiefen Grube, ohne Sarg.

„Hunde graben diese Gräber mühelos auf und schleppen Leichenteile weg. Es ist grauenhaft. Ein Menschenleben ist dort nichts wert. Leichen liegen manchmal wochenlang auf der Straße, und niemand holt sie, weil ständig Drohnen angreifen und der Beschuss oft keine Minute aufhört“, sagt Ljudmyla Bereska aus Oleschky.

Hasanenko bestätigt dies und berichtet von einer Frau in Solonzi, die die Überreste ihres Mannes fand. Sie sammelte sie ein, begrub sie in einer Grube und fuhr nach Kalantschak, um eine Sterbeurkunde zu holen. Dort sagte man ihr, sie solle die Leiche wieder ausgraben und selbst herbringen, zu einer sogenannten Untersuchung. Sonst bekomme sie keine Urkunde.

„Der Tod verfolgt die Menschen in Oleschky buchstäblich überall. Du unterhältst dich mit deinem Nachbarn vor dem Haus, gehst fünfzehn Minuten später wieder raus und entdeckst seine Gedärme am Zaun hängen“, sagt Hasanenko.

Laut ihren Angaben steht das Krankenhaus in Oleschky, das die Besatzer betreiben, kurz vor der Schließung. Eigentlich sollte es bereits am 11. September schließen, war aber am 15. September noch in Betrieb. „Medikamente gibt es dort praktisch keine mehr. Viel mehr als Blutungen stillen kann das Personal nicht“, sagt sie. 

Vor der Vollinvasion lebten in Oleschky 24.000 Menschen. Trotz allen Grauens sind Schätzungen zufolge noch immer zwischen 1000 und 4000 dort. Hasanenko hält etwa 2000 für die realistischste Zahl, darunter 47 Kinder.

Zu Beginn des Angriffskriegs waren in der Gemeinde Oleschky insgesamt 40.000 Menschen gemeldet. Nach ihren Angaben könnten noch etwa 6000 bis 7000 Personen dort sein, darunter mindestens 180 Kinder.

Auch in den Nachbardörfern Krynky, Pischtschaniwka, Pidstepne, Saplawa und Sahy gibt es kein Leben mehr. Sie sind alle zerstört und existieren praktisch nicht mehr. Laut ukrainischen Behörden sind Kosatschi Laheri, Solonzi und Pidlisne zu 80 Prozent zerstört. In den Dörfern rund um Hola Prystan herrscht eine ähnliche Situation.

Ksenija Archipowa hat eine Erklärung dafür, warum noch so viele Menschen in Oleschky und Hola Prystan sind. Anders als in den sichereren Orten im Hinterland wie Henitschesk, Skadowsk oder Nowotrojizke gibt es dort keine Besatzungsverwaltung mehr. Sie hat sich 2023 zurückgezogen, geblieben sind nur russische Soldaten. Deshalb sagen Menschen aus Oleschky: „Wir warten noch ein bisschen auf unsere Leute.“

Die befragten Vertreterinnen der legitimen ukrainischen Lokalbehörden und die Freiwilligen sind sich einig, dass die Blockade absichtlich herbeigeführt wurde, um die Zivilbevölkerung als menschlichen Schutzschild zu nutzen.

„Für die Zivilbevölkerung gibt es im Krieg keinen Platz. Denn im Krieg dreht es sich darum, Gebiete um jeden Preis zu erobern. Deshalb haben wir alle, die noch unter Besatzung leben, aufgefordert, bei der ersten Gelegenheit zu fliehen. Und wir tun es weiter“, sagt Hasanenko.

Der Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez erklärte, die Ukraine habe eine Liste der Menschen abgestimmt, die aus dem eingeschlossenen Oleschky evakuiert werden sollen. Mit den ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungskräften sei alles abgesprochen, damit während der humanitären Mission die Waffen schweigen. Außerdem habe er die Unterstützung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) gewonnen. Das IKRK sei bereit, sich im Rahmen seines Mandats an der Evakuierung zu beteiligen.

Lubinez hatte schon früher vorgeschlagen, eine offizielle Evakuierung aus Oleschky zu organisieren.

Oleshky l Screenshots from a video from the 34th Marine Brigade of the Armed Forces of Ukraine
Oleschky. | Screenshot aus einem Video der 34. Marinebrigade der ukrainischen Streitkräfte

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha forderte die internationale Gemeinschaft auf, Zugang zu Oleschky zu schaffen und die Menschen dort zu evakuieren. Das tat er Anfang September in Kyjiw bei einem gemeinsamen Auftritt mit Monacos Außenministerin Isabelle Berro-Amadeï.

Trotz der Verhandlungen hat die russische Seite bis heute nicht bestätigt, dass sie zu einem humanitären Korridor und einer Evakuierung bereit ist.

Die Juristin Anna Mykytenko ist Expertin für humanitäres Völkerrecht. Sie erklärt, dass Oleschky besetztes Gebiet ist. Russland muss deshalb als Besatzungsmacht die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten sicherstellen und für ausreichende Hygiene und Gesundheitsversorgung sorgen. So steht es in den Artikeln 55 und 56 des Vierten Genfer Abkommens. 

„Ist die Bevölkerung nicht ausreichend versorgt, muss die Besatzungsmacht nach Artikel 59 des Vierten Genfer Abkommens Hilfsaktionen unparteiischer humanitärer Organisationen zulassen. Die Ukraine hat mehrfach eine humanitäre Evakuierung der Zivilbevölkerung aus dem abgeriegelten Oleschky vorgeschlagen. Russland hat nicht zugestimmt und auch sonst nichts getan, um die Lage zu verbessern. Damit verstößt es allem Anschein nach gegen das humanitäre Völkerrecht“, sagt Mykytenko.

Auch Wassyl und Ljudmyla Bereska bedauern, dass sie ihre Heimatstadt Oleschky nicht früher verlassen haben. „Es war schwer, einfach alles zurückzulassen. Sehr schwer. Doch wir hätten das viel früher tun sollen“, sagt Wassyl Bereska. „Ja, in meinem Alter ist es sehr hart, noch einmal bei null anzufangen. Aber wir wurden nicht im Stich gelassen. Und das Wichtigste: In der freien Ukraine können wir jetzt frei atmen und frei reden. Und vor allem: Wir leben.“

Dieser Artikel wurde vom Public Interest Journalism Lab des The Reckoning Project verfasst. Diese Initiative, gegründet im März 2022, setzt sich aus ukrainischen und internationalen Experten in den Bereichen Journalismus, Analyse und Recht zusammen. Ihr Ziel ist es, Kriegsverbrechen im russischen Krieg gegen die Ukraine zu dokumentieren und zu analysieren.