Du wirst nicht glauben, was die Top 5 der größten BRD-Proteste aller Zeiten waren

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Du wirst nicht glauben, was die Top 5 der größten BRD-Proteste aller Zeiten waren

Millionen Menschen gingen in der Bundesrepublik gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Aufrüstung und für Klimaschutz auf die Straße. Was sagen diese Protestwellen über die gesellschaftliche Mehrheit aus – und warum wirken rechte Stimmen online oft größer, als sie tatsächlich sind?

Wir haben uns die fünf größten Protestbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik angeschaut. Das Ergebnis: Drei brachten allein in den vergangenen 7 Jahren Millionen auf die Straße. Und drei davon richteten sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Die anderen beiden gegen Aufrüstung und für das Klima. Die größten Demos von Pegida oder Querdenkern hingegen kamen auf nur Zehntausende. Gegen Rechts demonstrierten Millionen. Warum die „schweigende Mehrheit“ linker ist, als viele denken. Und was die Rechtsextremen trotzdem besser können als wir.

Wer laut ist, ist noch lange nicht die Mehrheit

Manchmal fühlt es sich an, als würde in diesem Land nur noch gebrüllt. Die Lautesten füllen die Talkshows, die Kommentarspalten und deine Timeline, und sie behaupten, für alle zu sprechen. Wer dagegen nicht brüllt, wird schnell überhört. Und wer überhört wird, fängt irgendwann an zu glauben, er sei vielleicht wirklich in der Minderheit. Aber still sein heißt nicht, nichts zu tun. Es gab immer wieder Momente, in denen die Vielen aufstanden, als es darauf ankam. Nur erinnern wir uns zu selten daran. Und noch weniger wissen wir, wie viele es eigentlich waren. Auch weil die wahren Ausmaße der Massen auf den Straßen in den Medien nicht proportional wiedergegeben werden.

Umfragen sind das eine. Aber auch, um mal ein anderes Bild zu zeigen, haben wir die größten Protestbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik miteinander verglichen. Grundlage sind die Teilnehmerzahlen. Wir schauen dabei auf Protestwellen, also auf einen begrenzten, aber nicht fest definierten Zeitraum rund um einen Anlass, nicht auf Dauerproteste oder jährliche Demos und in der Regel nicht auf einzelne Demotage. Und wir fokussieren uns auf die BRD – sonst wäre die friedliche Revolution von 1989 natürlich mit dabei, aber die ist schlecht vergleichbar mit den anderen Protesten. Ich verspreche dir: Du wirst danach anders auf die Frage schauen, wer in diesem Land eine Mehrheit sein könnte.

Aber zuerst ein paar Einschränkungen

Bevor wir loslegen: Demo-Zahlen sind Schätzungen, und die gehen oft weit auseinander. Bei der großen Berliner Demo im Januar 2024 sprach die Polizei von “mehr als 100.000” Teilnehmern, die Veranstalter von 350.000. Der Protestforscher Jannis Grimm von der FU Berlin kam auf 230.000 bis 260.000. In Hamburg hat die Innenbehörde nachgezählt und festgestellt, dass die Polizei mit ihrer ersten Schätzung grob danebenlag. Auch Polizeizahlen sind eben nur Schätzungen.

Für 1983 oder 1992 gab es noch keine Drohnenbilder und keine Flächenberechnungen im Netz, und auch unsere eigene Demo-Zählung halten wir für robust, sind aber auch nur konservative Schätzungen und Mittelwerte teilweise. Dazu kommt: Wer in einer Protestwelle auf mehreren Demos war, wird natürlich öfter mitgezählt. Nimm die Zahlen also als Größenordnung. Wo zwei Plätze nah beieinanderliegen, könnte die Reihenfolge mit anderen Schätzungen auch anders aussehen.

Wir haben hier nach bestem Gewissen sortiert, aber die Reihenfolge könnte teilweise auch leicht anders aussehen. Deswegen nehmt das exakte Ranking nicht so ernst. Und es kann natürlich sein, dass wir in unserer Recherche andere Proteste übersehen haben. Wir freuen uns über Hinweise in den Kommentaren!

Straße vs. Umfragen

Und ja, viele Menschen auf der Straße heißen nicht automatisch Mehrheit, auch wenn wir das hier so argumentieren möchten. Wer demonstriert, ist kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung. Forscher der Uni Konstanz sind 2024 genau der Frage nachgegangen, ob bei den Demos gegen Rechts die “schweigende Mehrheit auf der Straße” stand. Und ja, die Befragten waren überdurchschnittlich gebildet, sahen sich eher in der oberen Mittelschicht und verorteten sich politisch eher links der Mitte.

Warum halten wir es trotzdem für ein wichtiges Argument? Weil Umfragen messen, was Menschen denken, und weniger, wofür sie bei Minusgraden ihren Samstag opfern. Dabei bestätigen die Umfragen das Bild von der Straße sogar. Eine Mehrheit will, dass das Bundesverfassungsgericht die AfD prüft, gut zwei Drittel sehen in ihr eine Gefahr für die Demokratie, und eine Mehrheit lehnt einen AfD-Ministerpräsidenten ab.

Der Streit darüber, wer “das Volk” ist, wird seit Jahrzehnten auch auf der Straße ausgetragen. Wir finden, wir müssen auch über diese Proteste (und ihre Verhältnisse) sprechen, weil es, wie wir gleich unten sehen werden, gute Hinweise darauf gibt, dass sie die Stimmung im Land verschieben und sich sogar an der Wahlurne bemerkbar machen. Und weil die Massenproteste immer noch unterschätzt werden. Denn dass sie etwas bewirken, dafür spricht eine ganze Menge.

Platz 5: Friedensherbst 1983

Platz fünf in unserem Ranking belegt der Friedensherbst von 1983. Alleine am 22. Oktober demonstrieren laut Schätzungen ca. 1,3 Millionen Menschen an verschiedenen Orten in der Bundesrepublik. Dazu gehört eine Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, an der 200.000 bis 400.000 teilnehmen.

Ein Beschluss, den viele in der SPD nicht wollten

Worum ging es? Den NATO-Doppelbeschluss von 1979. Die NATO wollte erst mit der Sowjetunion über deren SS-20-Raketen verhandeln und, falls die Verhandlung scheitern sollte, ab 1983 eigene Mittelstreckenraketen in Westeuropa stationieren, auch in der BRD. Die Treibende Kraft dahinter war Kanzler Helmut Schmidt (SPD), gegen den Willen vieler in seiner eigenen Partei. 1982 wird Schmidt mit dem bisher einzigen erfolgreichen konstruktiven Misstrauensvotum von Helmut Kohl abgelöst. Die Friedensbewegung ist zu dem Zeitpunkt schon lange auf der Straße: Schon 1981 gab es in Bonn die bis dahin größte Demonstration der BRD mit 300.000 Teilnehmern.

Und an dieser Stelle kommt die FDP ins Spiel, damals in Person von Helmut Schäfer, der die Friedensbewegung als „irrationale Strömung“ kritisierte und ihren Neutralismus als „schlicht und einfach grotesk“ bezeichnete. Am 22. November 1983 stimmte der Bundestag mit den Stimmen der CDU/CSU und FDP für die Stationierung. Die Hauptforderung des Friedensherbstes wurde damit nicht erfüllt.

Die Raketen kamen, der Kalte Krieg ging

Direkt nach dem Beschluss blieb erst einmal gar nichts, außer Frust. Noch im selben Jahr begannen die USA mit der Stationierung von Pershing-II-Raketen auf deutschem Boden, die Sowjetunion brach die Verhandlungen in Genf ab, und die Friedensbewegung war gescheitert.

Und trotzdem: 1987 unterschrieben Reagan und Gorbatschow den INF-Vertrag, der alle landgestützten Mittelstreckenraketen abschaffen sollte, also genau die Waffen, gegen die Hunderttausende auf die Straßen gegangen waren. Inwiefern die Friedensbewegung das bewirkt hat, lässt sich nicht belegen. Historiker sagen aber, dass die Kritik aus der Zivilgesellschaft die Regierungen damals „nicht nur beeindruckt, sondern auch beeinflusst hat“. Was sich dagegen belegen lässt, ist, dass die Grünen bei der Bundestagswahl 1983 mit 5,6 Prozent Stimmen erstmals in den Bundestag einzogen, der politische Durchbruch der Partei. Ohne die Friedensproteste wäre das vielleicht nie passiert.

Platz 4: Demos gegen Rechtsextremismus 2025

Für Platz vier reisen wir am kürzesten in die Vergangenheit: zu den Demos gegen Rechts im Januar und Februar 2025, vor der Bundestagswahl. Laut unserer eigenen Demo-Zählung gingen in diesen Wochen fast 1,9 Millionen Menschen bei über 730 Demos auf die Straße.

https://volksverpetzer.de/aktuelles/demo-karte-2025-21-2/

Die Brandmauer bricht, die Straße steht auf

Nach der Gewalttat von Aschaffenburg am 22. Januar schwenkte Friedrich Merz komplett auf AfD-Kurs um. Er forderte wie die AfD dauerhafte Grenzkontrollen und die Zurückweisung auch von Schutzberechtigten. Am 29. Januar nahm der Bundestag einen Antrag der Union zur Verschärfung der Migrationspolitik an, mit den Stimmen der FDP und der AfD. Nur eine einzige CDU-Abgeordnete stimmte dagegen. Die Brandmauer war gebrochen. Demokratiefeindin Alice Weidel sprach von einem „großartigen Tag für die Demokratie“.

Empfand die deutsche Mehrheitsgesellschaft verständlicherweise nicht so. Und sie strafte die CDU zur Wahl direkt ab. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigte, dass die CDU mit ihrem Rechtskurs einige Stimmen verloren hatte. Einige an die rechtsextreme AfD, aber vor allem die Linke wurde dadurch gestärkt. Noch vor der Abstimmung im Bundestag, gingen am 25. Januar bundesweit zehntausende Menschen auf die Straße. Nach der Abstimmung von Union und AfD wurden es noch mehr, jetzt unter dem Motto „Wir sind die Brandmauer“. Auf den Plakaten standen Dinge wie „Niemand mag Nazis außer Merz“. Zu den Forderungen gehörten keine Zusammenarbeit der Union mit der AfD, Verteidigung des Asylrechts und generelle Ablehnung von Rechtsextremismus.

Die Straße gewinnt

Das Gesetz der Union scheiterte bereits am 31. Januar im Bundestag. Die AfD verdoppelte aber bei der Bundestagswahl im Februar ihr Ergebnis. Besonders, weil die CDU den Themen der AfD so kurz vor der Wahl die größtmögliche Bühne geboten und sie damit wieder einmal normalisiert hatte. Dieses Mal hatten die Proteste, anders als beim Friedensherbst, zumindest kurzfristigen Erfolg. Oder wie der Freitag kommentierte: „In dieser Woche hat die Straße gesprochen, und sie hat gewonnen.“ Den Schaden, den die Union der Demokratie zugefügt hat, konnten die Proteste aber nicht eindämmen. Die Union hat es später bereut. Macht aber heute exakt den gleichen Fehler wieder.

https://volksverpetzer.de/analyse/plan-afd-union-setzt-um/

Platz 3: Fridays For Future

Platz drei belegt Fridays for Future. Alleine bei den drei größten Klimastreiks des Jahres 2019 gehen insgesamt rund 2,3 Millionen Menschen auf die Straßen. Aber wie fing alles an? Mit der 15-jährigen Greta Thunberg mit einem Schild „Schulstreik für das Klima“ vor dem schwedischen Parlament im August 2018. Von Woche zu Woche folgten ihr mehr Schüler, erst in Schweden, dann auf der ganzen Welt. Am Ende des Jahres fanden Streiks an fast 300 Orten statt. Im Dezember erreichte die Bewegung dann auch Deutschland: In Kiel standen rund 500 Schüler vor dem Landtag und forderten den Kohleausstieg.

Die Forderungen waren sehr konkret: Nettonull 2035, Kohleausstieg 2030, 100% erneuerbare Energien bis 2035, Ende der fossilen Subventionen bis Ende 2019, Stilllegung eines Viertels der Kohlekraftwerke, Steuer auf Treibhausgase.

FFF dominierte den Diskurs

Ja, gemessen an den Maximalforderungen verfehlte die Bewegung ihre Ziele. Aber wer da eine Niederlage herausliest, hat nicht verstanden, wie erfolgreicher Protest und Politik funktioniert. Denn die Bewegung hat am Ende sehr viel erreicht. Fridays for Future hat den Klimaschutz, ein extrem leidiges Thema der Politik, weil er Geld kostet und Veränderung fordert, so präsent wie nie zuvor in den politischen Diskurs gerückt. Der Anteil der Deutschen, die Umwelt und Klima für das wichtigste Problem halten, verdreifachte sich damals laut Umweltbundesamt von 16 auf 49 Prozent, und das UBA führt das auf die FFF-Aktionstage zurück.

Auch an der Wahlurne war die Bewegung spürbar: Laut einer Studie des ifo Instituts und anderer Forschungsinstitute lassen sich etwa 7 Prozent der Stimmengewinne der Grünen bei den Wahlen 2019 bis 2021 auf die Proteste zurückführen. Je stärker die Klimabewegung in einer Region war, desto größer war der Stimmengewinn der Grünen.

Und sie veränderte vielleicht auch das Recht: Im März 2021 erklärte das Bundesverfassungsgericht das Klimaschutzgesetz teilweise für verfassungswidrig, weil es die Lasten der Emissionsminderung unumkehrbar auf die Zeit nach 2030 verschob. Unter den neun jungen Beschwerdeführern war Luisa Neubauer, Mitgründerin von Fridays for Future in Deutschland. Der Bundestag verschärfte das Gesetz daraufhin: Seit Juni 2021 gilt das Ziel der Klimaneutralität bis 2045, fünf Jahre früher als zuvor. Man erreicht nicht seine Ziele, bevor man sich ihnen nicht angenähert hat. Und das hat FFF erreicht.

Das Thema verschwindet, die Menschen waren trotzdem da

Vielleicht merkt man erst jetzt, was für einen enormen Effekt die Bewegung bis etwa zu Corona hatte. Denn heute scheint Klima fast gar kein Thema mehr zu sein, obwohl der Klimawandel immer gravierender und die Bekämpfung immer dringlicher wird. Die AfD hat mit ihrer „Flood the Zone with Shit”-Strategie maßgeblich dazu beigetragen, den Diskurs so weit nach rechts zu verschieben, dass Klima in der Debatte kaum noch stattfindet.

Das ändert aber nichts am Kern: Es waren keine Randgruppen, sondern Millionen Menschen, die für die Zukunft und für das Klima auf die Straße gingen. Sie waren nicht still, sie waren da, und sie haben die Politik gezwungen, über das Klima zu reden. Und sie haben Erfolge gehabt. Dass die AfD und der Rechtsruck diese jetzt zunichte machen, ändert nichts daran. Im Gegenteil: Es zeigt, dass wir es wieder schaffen könnten.

Platz 2: Lichterketten 1992/93

Platz zwei in unserem Ranking belegen die Lichterketten von 1992 und 1993 mit rund drei Millionen Teilnehmern. Im August 1992 greifen in Rostock-Lichtenhagen Neonazis und gewaltbereite Rassisten unter dem Beifall Tausender Migranten an und bedrohen sie mit dem Tod. Man spricht deshalb auch vom Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Im November 1992 sterben bei einem rechtsextremen Brandanschlag in Mölln drei Menschen, im Mai 1993 bei einem Brandanschlag in Solingen fünf. Die Zahl rassistscher Straftaten steigt von 2.598 im Jahr 1991 auf 5.008 im Jahr 1992 und 6.721 im Jahr 1993.

Was passiert dann? In München wollen vier Freunde am 6. Dezember 1992 ein stilles Zeichen gegen Ausländerhass setzen. Ihre Idee: Münchner auf die Straße rufen, um zu sehen, wo die schweigende Mehrheit eigentlich steht. Einer von ihnen ist Giovanni Di Lorenzo, späterer Chefredakteur der Zeit. Sie rechneten mit 100.000 Menschen, etwa 400.000 kamen. In den Wochen danach folgen Frankfurt, Rostock, Düsseldorf und letztlich die ganze BRD. Ihre Forderungen: „Gegen Rassismus, gegen Gewalt und für die Beibehaltung des geltenden Asylrechts.“

Die Politik gibt nach, aber Deutschland zeigt Gesicht

Am 6. Dezember, dem Tag der Münchner Lichterkette, einigten sich Union, FDP und SPD auf den Asylkompromiss. Der Bundestag beschloss ihn am 26. Mai 1993 mit 521 zu 132 Stimmen und änderte damit das Grundgesetz. Der bis dahin schrankenlose Artikel 16 wird durch Artikel 16a ersetzt. Wer über ein EU-Land oder ein anderes Nachbarland einreist, hat danach keinen Anspruch mehr auf Asyl. Begründet wurde die Änderung damit, einen 'Missbrauch' des Asylrechts schwerer zu machen. Statt auf die Gewalt gegen Migranten zu reagieren, ist die Politik vor dem Druck von rechts eingeknickt.

Sichtbar wurde dafür etwas anderes: Laut taz zeigte die Gesellschaft im Winter 1992 „endlich selbst Präsenz auf den Straßen“, nachdem zuvor „nur die radikale Linke“ zum Widerstand gegen den rassistischen Terror aufgerufen hatte. Die Lichterkette wurde zum Symbol des kollektiven Willens und solidarischen Widerstands.

Platz 1: Demos gegen Rechtsextremismus 2024

Kommen wir zu Platz 1 in unserem Ranking. Die größte Protestwelle in der Geschichte der BRD: die Demos gegen Rechtsextremismus ab Januar 2024. Nach unserer eigenen Demo-Zählung gehen bis Anfang April 2024 bei 1.331 Demos rund 4,1 Millionen Menschen auf die Straße. Nie haben mehr Menschen protestiert. Und es ging gegen die rechtsextremen Pläne der AfD. Und es ist nicht so lange her. Wir sind alle noch da.

https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/demo-auf-strasse-uebersicht-1003/

Am 10. Januar 2024 veröffentlichte Correctiv seine Recherche zu einem Treffen am 25. November 2023 im Landhaus Adlon in Potsdam. Unter den Gästen waren rechtsextreme, völkische Ideologen, hochrangige AfD‑Funktionäre, das Who-is-who der rechtsextremen Szene. Der Österreicher Martin Sellner, Mitglied der Identitären Bewegung, stellte sein verfassungsfeindliches Konzept der Remigration vor. Gemeint ist damit die Vertreibung von Millionen Menschen, auch mit deutschem Pass, aus Deutschland. Gerichte bestätigen, dass das Konzept ausdrücklich gegen das Grundgesetz geht und damit verfassungsfeindlich ist. Remigration wird Unwort des Jahres 2023. Die Jury nennt es einen „rechten Kampfbegriff, beschönigende Tarnvokabel“.

Die Reaktion war die größte Protestbewegung in der Geschichte der BRD. Allein am Samstag, dem 20. Januar, gehen über 350.000 Menschen auf die Straße. In Hamburg waren es laut Polizei 50.000 und laut DGB 80.000, in Köln etwa 30.000. Rechte Accounts versuchten verzweifelt, die Bilder zu diskreditieren: Sie behaupten panisch, Fotos der riesigen Menschen müssten manipuliert sein. Sie konnten nicht wahrhaben, dass ihre hässlichen Ideen so breit Verachtung finden.

https://volksverpetzer.de/faktencheck/afd-fans-verzweifelt-massen-leugnen/

Das Bündnis Hand in Hand rief unter dem Motto „#WirSindDieBrandmauer“ am 3. Februar zu einer Kundgebung in Berlin auf. Den Aufruf unterzeichneten über 1.800 Organisationen. Bundeskanzler Olaf Scholz sagte: „Das macht Mut und zeigt: Wir Demokratinnen und Demokraten sind viele – viel mehr als diejenigen, die spalten wollen.“

Politik schockiert, Bündnis ruft zur Kundgebung

Sofort nahmen auch die Forderungen nach einem AfD-Verbot Fahrt auf. Wir haben kurz davor schon die Petition „AfD Verbot prüfen!“ gestartet. Nach der Correctiv-Recherche ist sie explodiert. Am 31. Januar 2024 haben wir Bundesratspräsidentin Manuela Schwesig im Bundesrat 802.907 Unterschriften unserer Petition übergeben. Mittlerweile haben fast 1,6 Millionen Menschen die Petition unterschrieben.

https://volksverpetzer.de/aktuelles/bundesrat-nimmt-petition-an/

Die AfD stürzt nach dem Demos ab – und keiner sprach darüber

Infolge der Proteste stürzt die AfD in Umfragen total ab. Wo die AfD Ende 2023 in Forsa-Umfragen noch bei 22 bis 23 Prozent lag, kam sie ein halbes Jahr später nur noch auf schlappe 15–16 Prozent. Während jeder Prozentpunkt Plus für die Rechtsextremen für Schlagzeilen sorgte, blieb der Absturz der AfD jedoch fast komplett ohne große Aufmerksamkeit.

https://volksverpetzer.de/aktuelles/absturz-afd-2024-2/

Dass die Proteste damit direkt zu tun haben, zeigt auch eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin: Dort, wo es eine stärkere antirassistische Mobilisierung gab, fiel die AfD im Schnitt in den Wahlen um knapp ein Prozent zurück. Das Verbotsverfahren kam dagegen leider nicht voran: Die Anträge auf ein AfD-Verbotsverfahren kamen im Bundestag nie zur Abstimmung. Dennoch sind wir seitdem ein gutes Stück der Prüfung auf ein AfD-Verbot näher gekommen und es fehlt nicht mehr viel:

https://volksverpetzer.de/analyse/afd-verbot-fehlt-eine-sache/

Millionen Menschen sind für Menschenrechte, für das Grundgesetz und gegen Faschismus auf die Straße gegangen, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Nicht nur auf der größten Protestwelle der BRD, sondern auch auf der zweit- und drittgrößten in unserem Ranking. Insgesamt lässt sich aus dieser Top 5 ein ganz klarer Trend ablesen, wofür die Deutschen in Scharen auf die Straße gehen, wofür sie demonstrieren und welche Werte sie schützen wollen.

Die Rechten sind laut, aber nicht viele

Rechtsextreme sind immer sehr laut – vorwiegend in Social Media – und diskreditieren Demonstranten dann auch gerne mal als bezahlt vom Staat. Aber wo sind die Rechten selbst, wenn es mal Grund zum Demonstrieren gibt? Nicht auf der Straße. Ob Querdenken, die über ihre Berliner Demonstration mit vielleicht 20.000 Teilnehmern logen und behaupteten, es seien gleich 3,5 Millionen gewesen, oder die rechtsradikale Pegida, die selbst maximal 25.000 Menschen in einer Stadt mobilisieren konnte. Und erst recht nicht die AfD, die bei ihren „Großdemos“ in Berlin 2018 und 2022 auf gerade einmal 5.000 bis 10.000 Teilnehmer kam.

https://volksverpetzer.de/analyse/teilnehmerzahlen-nur-17-000/

Die Mehrheit gibt es (bisher) nur im Netz

Das Einzige, was die Rechten wirklich besser können als wir, ist, uns in den sozialen Medien vorzugaukeln, als wären sie viele. Und die Plattformen helfen ihnen dabei. Laut einer Studie der Universität Potsdam und der Bertelsmann Stiftung stellte die AfD im Wahlkampf 2025 21 Prozent der hochgeladenen Parteivideos auf TikTok, aber 37 Prozent der empfohlenen. Bei X stammten laut einer Untersuchung von ZDF Frontal und einem Forschungsteam aus Dublin 37,9 Prozent der Partei-Posts im Feed von der AfD, obwohl sie nur 15,2 Prozent der Partei-Posts erstellt hatte. Kein Wunder, wenn X und alle anderen sozialen Medien in den Händen amerikanischer Tech-Faschisten liegen, die neben der eigenen Demokratie auch die europäische scheitern sehen wollen. Dass der Journalismus die Narrative der AfD immer häufiger übernimmt, statt sie zu widerlegen, hilft natürlich auch nicht.

Dazu kommen auch noch Fake-Accounts: Das Forschungsinstitut CeMAS zählte vor der Bundestagswahl 2025 mindestens vier russische Einflusskampagnen, die unter anderem die AfD unterstützen sollten, mit koordinierten, unechten Accounts und einer Reichweite im Millionenbereich. Und auf TikTok fand Democracy Reporting International 138 undurchsichtige Accounts, die zwischen Januar und Februar 2025 937 Videos hochluden, 97 Prozent davon für die AfD. Das ist keine Mehrheit. Das ist vor allem eine Inszenierung. Die Menschen glauben lassen sollen, es wäre eine Mehrheit. Damit sich Menschen einschüchtern lassen und dem vermeintlichen Herdentrieb folgen.

Die schweigende Mehrheit schweigt nicht

Online kann man Mehrheiten vortäuschen, auf der Straße nicht, denn dort steht kein einziger Fake-Account, sondern echte Menschen. Und wenn die in Deutschland zu Millionen zusammenkommen, dann gegen Nazis und Fremdenhass, für den Frieden und für das Klima. Und auch wenn diese Proteste selten sofort Gesetze ändern, haben sie dennoch eine starke Wirkung. Ob es Fridays for Future waren, die das Klima zum wichtigsten Thema des Landes machten und damit direkten Einfluss auf die politische Landschaft Deutschlands nahmen, oder die Demos gegen Rechts, die die AfD real an der Wahlurne schwächten. Sie alle zeigen, dass wir in Deutschland keinen Bock auf Nazis haben.

Klar, die AfD holt trotzdem viele Stimmen. In Sachsen-Anhalt kam sie im September auf 43,8 Prozent, ein Rekord, den man nicht schönreden sollte. Aber selbst dort haben 56 Prozent sie nicht gewählt. Eine Mehrheit hat sie nirgends. Und vor allem fehlt ihr das Fundament vor Ort. Bei der Kommunalwahl 2024 in Sachsen-Anhalt konnte sie 120 gewonnene Sitze in Stadt- und Gemeinderäten nicht besetzen, weil ihr schlicht die Kandidaten fehlten. In Hessen findet sie in vielen Gemeinden nicht genug Leute, um überhaupt anzutreten, und in Konstanz wollte für den Gemeinderat niemand Gesicht zeigen. In NRW blieb sie bei der Kommunalwahl 2025 unter ihrem Bundestagsergebnis und verlor alle drei Oberbürgermeister-Stichwahlen. Ein Kreuz in der Wahlkabine ist anonym. Wer im Gemeinderat sitzt, muss seinen Nachbarn in die Augen schauen.

Die Mehrheit der Demokraten kann auch mobilisiert werden

Dazu kommt: Ihre Zugewinne verdankt die AfD zu einem großen Teil nicht der Mitte, sondern Menschen, die vorher gar nicht gewählt haben. Bei der Bundestagswahl 2025 holte sie rund 1,8 Millionen Stimmen von früheren Nichtwählern, und mobilisiert hat sie vor allem ein rechtsextremes Potenzial, das es schon immer gab. Das haben wir hier ausführlich analysiert. Das ist kein Umschwung der Mehrheit. Das ist eine Minderheit, die es immer gab und die jetzt zur Wahl geht.

https://volksverpetzer.de/analyse/warum-afd-wirklich-stark/

Wer das Volk ist, zeigt sich auch daran, wofür es auf die Straße geht. Die USA, Brasilien und Serbien haben gezeigt, was passiert, wenn die Demokraten auch mobilisieren. Das können wir in Deutschland auch locker schaffen. Wir müssen nur wissen, dass wir es können. Und dann auch zur Wahlurne gehen.