Oktober in Paris
Kapitál
„Eines Tages müssen wir die Geschichte unserer eigenen Bedeutungslosigkeit schreiben – die Dichte unseres Narzissmus enthüllen.“ Roland Barthes, Das Reich der Zeichen Wenn man das Wesen der Geschichte verstehen will, genügt es, Herodes mit der frühen Presse zu vergleichen, schreibt Walter Benjamin in seinem Essay Paris, Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Die Ansichten darüber, was hinter den Massenprotesten in Frankreich steckt, entstehen meist auf Grundlage dessen, aus welchem Teil der modernen Welt ihr Autor/ihre Autorin stammt. Wenn Sie aus jenen europäischen Ländern kommen, in denen sich nach 1989 eine ungeheure Zahl von Menschen von der schrittweise normalisierten Vorstellung von der zivilisatorischen Universalität der euroatlantischen Welt, gleichgesetzt mit uneingeschränktem Kapitalismus, mitreißen ließ, werden Sie sehr wahrscheinlich von einer Verschwörung Chinas, Irans, der Islamisten oder Russlands sprechen, die aus dem weltweiten „Dschungel“ den „Garten Europa“ angreifen. Wenn Sie aus Frankreich kommen oder die westlichen Metropolen schlicht nicht für ein himmlisches Café halten, in dem sich Menschen wie Baudelaires Eidechsen direkt am Eingang zum Paradies sonnen, und wenn Sie außerdem das Glück haben, sich nicht zu „fürchten“, sich den Protestierenden anzuschließen, werden Sie sagen, dass die Menschen „nur“ in der Lage sein wollen, sich Essen zu leisten, eine gute Bildung zu erhalten und keine Angst um ein Dach über dem Kopf haben zu müssen. Und wenn es nur dort wäre! Proteste in ganz Europa und in der gesamten modernen Welt zeigen, dass die Menschen die soziale Ungleichheit, die doppelten Maßstäbe des Rechts auf „Menschlichkeit“ und die Aufrechterhaltung der gepflegten Vorstellung satt haben, der Kolonialismus sei mit der Ausrufung unabhängiger Staaten beendet worden. Und dass sie sich weigern, eine von Milliardären mit tatkräftiger Hilfe der fabrizierten Zustimmung der osteuropäischen Semiperipherie gekaperte Gesellschaft als die erträumte freie Welt für alle „Tüchtigen“ zu betrachten. Paris ist kein Traum Auch als ich zum ersten Mal nach Paris kam, war es Oktober. Ein wunderschöner warmer Herbst, und vom Gare du Nord ging ich direkt nach Montmartre, wo ich auf einer Bank einschlief. Eines der ersten Pariser Bilder in meinem Gedächtnis zeigt eine schwarze Frau, die unmittelbar hinter mir in Sacré-Cœur eintrat. Dringlich bekreuzigte sie sich, beugte sich zur Erde, und ich sah, dass nicht nur ihre ganze Seele betete, sondern im Zittern ihres Körpers auch alle Sehnsüchte der Menschen, deren Schicksale sie hierhergeführt hatten. Aus der Krone glühender Flammen blickte in Chartres die Jungfrau auf mich Das Blut eures Heiligen Herzens übergoss mich auf dem Montmartre Ich bin davon krank, wenn ich jene gesegneten Worte höre Die Liebe, an der ich leide, ist meine geheime Krankheit Und das Bild, das dich besessen hat, hilft dir, Angst und Wachen zu überleben Immer weilt bei dir das Bild, das unwiederbringlich flieht... Mit einem Blick voller Feuer ging sie hinaus und verlor sich im Meer der Selfiesticks. An einer der Mauern leuchtete die aufgesprühte Inschrift „Paris ist kein Traum“. Als ich am 17. Oktober dieses Jahres aus der Metro stieg, etwa zwei Stationen vom Place de la République entfernt, wo um vierzehn Uhr eine weitere der großen angekündigten Demonstrationen beginnen sollte, reihte ich mich ganz selbstverständlich in die Menge junger Menschen ein, die in dieselbe Richtung gingen wie ich. Mich überkam ein angenehmes Gefühl, als ich mir bewusst wurde, warum ich Paris vor Jahren letztlich lieben gelernt hatte. Die Stadt, in der Vorstellung der Menschen auf der ganzen Welt beinahe mythisch, war für mich nie ein „Traum“ und hatte mich auch nie besonders angezogen. Zu modern, zu bekannt, wild und rücksichtslos, zu idealisiert, zu konstruiert, chic. Ich hatte jedoch den unwiderstehlichen Zauber der Kehrseite dieses Kessels der Moderne unterschätzt, dieses Labors der europäischen Geschichte und der Kontraste, dieses Versprechens der Hoffnung für alle Ausgestoßenen der Welt. ... Tränenüberströmt siehst du die armen Emigranten abfahren Sie glauben an Gott, Frauen beten, stillen ihre Kinder Ihr Geruch erfüllt die Halle des Bahnhofs Saint Lazar Wie die drei Könige glauben sie an ihren Stern, an künftigen Erfolg Sie denken, dass sich in Argentinien ihr Schicksal ändern wird Und dass sie nach Hause zurückkehren werden, sobald sie ein Vermögen gemacht haben Eine dieser Familien trägt ein rotes Fähnchen, rot wie euer Herz Dieses Fähnchen und unsere Träume sind gleichermaßen gespenstisch Einige der Emigranten bleiben hier und verweilen In den Schlupfwinkeln der Rue des Rosiers oder der Rue des Écouffes Oft sah ich sie abends hinausgehen, um Luft zu schöpfen Selten bewegen sie sich vom Fleck wie Figuren im Schach Meist sind es Juden und ihre Frauen mit Perücken Blutleer sitzen sie da und bewachen die dunklen Läden... Abgesehen davon, dass die genannten Juden heute in den Schlupfwinkeln von Algeriern, Tunesiern, Senegalesen, Kongolesen oder Menschen aus der dahinsiechenden französischen Provinz abgelöst wurden, die in der erbarmungslosen Maschine der Großstadt keinen Platz finden. Es gibt kein Gedicht über die Moderne wie Apollinaires Zone ( Zone ). Du bist in Paris, vom Richter verhört, wie ein Verbrecher verhaftet und ins Gefängnis gebracht... Es ist etwas Erhebendes in der Tatsache, dass trotz der historischen Ungerechtigkeiten und Unterschiede, die Menschen aller sozialen Schichten und Herkunft voneinander entfernen, auf den Pariser Demonstrationen genau jener Universalismus herrschte, über dessen Notwendigkeit Immanuel Wallerstein geschrieben hatte. Dies geschah zu einer Zeit, in der nach dem Morden im Irak und der faktischen Einebnung von Raqqa und Mossul klar sichtbar wurde, dass die bisherige universalistische Idee ausschließlich europäischen Ursprungs niemals gerecht sein kann – sie wird immer rassistisch und als solche potenziell faschismuserzeugend sein. Free trade , der durch Kanonenboote und computergesteuerte Bomben durchgesetzte freie Handel, wird seine Gewinne nahezu ausschließlich an die Finanzeliten Westeuropas und der Staaten des weißen Siedlerkolonialismus in Nordamerika und Australien lenken. Und die Freiheit der Arbeit wird zum Euphemismus für Sklavenarbeit. El pueblo unido jamás será vencido Die Menschen um mich herum fordern auf ihren Transparenten genau das, was seit einem Monat die Hauptursache der Proteste ist: bessere Bildung, bessere Bedingungen für das Wohnen, weniger rassistisch bedingten Zugang zu guten Lebensbedingungen, die Ablehnung der Herrschaft der Oligarchie und der Unterstützung der Aufrüstung. Es dominieren Studentinnen und Studenten, gut sichtbare Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sowie gelbe Westen. Menschen aus Lateinamerika bekunden ihre Unterstützung für ihre Landsleute zu Hause, die zur selben Zeit gewaltsamer Polizeirepression in Argentinien, insbesondere in Buenos Aires, ausgesetzt sind. Und wie ich später aus Quellen erfahre, die Informationen aus den Amerikas liefern, sind auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Versammlungen und Märschen in Ecuador, Kolumbien, Brasilien und den USA Repressionen ausgesetzt. Auf dem Pariser Boulevard lassen die Menschen aus den Balkonen Tücher mit der Aufschrift „Die Künstler sind mit euch“ herab und bilden improvisierte Kammerorchester, die Aznavour, Quilapayún und die Internationale spielen. Die Gesellschaft hier ist genau das – international. Paris ist noch immer auf gewisse Weise die Hauptstadt der Welt, wie Walter Benjamin es am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nannte. Als ich die Treppen hinauf auf den erhöhten Teil des Boulevards laufe, ist der Anblick erhebend. Die vorbeiziehende Menge nimmt kein Ende. Auf der einen Seite zeichnet sich bereits die Statue der Marianne auf dem Place de la République ab, auf der anderen Seite wälzt sich ein Fluss singender Menschen heran. Aus den Fenstern geben die zuschauenden Einheimischen Melodien vor, und die Masse unten stimmt ein. Während sich die Nachrichtensendungen der Welt bereits erste Formulierungen über gewalttätige Demonstranten und Islamisten zurechtlegen, singen die Menschen in Paris Emmenez-moi (Nehmt mich mit) von Aznavour und lassen sich zum Place de la République treiben, wo dieses Lied bereits die Orquesta del Nuevo Mundo spielt. Alle kennen seine Worte : „Nehmt mich mit ans Ende der Welt, nehmt mich mit in ein Land der Wunder…“ Über den Köpfen wehen französische Flaggen, gelegentlich auch die Flaggen anderer Staaten und hier und da eine palästinensische Fahne oder ein Transparent. Bald werde ich lesen, dass Benjamin Netanjahu Emmanuel Macron wegen seiner freundschaftlichen Erinnerung, sich bei der Auslöschung Gazas zu mäßigen, zurechtgewiesen hat – wenn du das nicht tust, kriechen sie dir bis nach Paris, willst du das?! Jetzt jedoch sehe ich, dass die Flagge Palästinas ebenso wie die anderen Fahnen ein Manifest dafür ist, dass die moderne Gesellschaft, die sich die Protestierenden wünschen, anders sein muss als die bisherige. Diese wird durch das militärische Verhältnis einer höheren Rasse und Klasse zum „Dschungel“ definiert, auf den sie aus dem Gartenpavillon zielt. Sie hatte noch keine Zeit, ihn durch die Rodung von Wäldern, die Privatisierung von Ressourcen, gentechnisch veränderte Lebensmittel, Völkermord und künstliche Intelligenz zu „zivilisieren“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte es der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt klar: „Wir werden fortfahren, sie zu töten, bis sie lernen, unseren Waffen zu gehorchen.“ Hier ertränken wir Algerier Inmitten des Place de la République beginnt allmählich der Lärm die Orchestermelodie zu übertönen. Aus der Menge kann ich sie nicht sehen, doch es ist offensichtlich, dass die Musikerinnen und Musiker ein ähnliches Schicksal „getroffen“ hat wie uns unten. Das Brennen in den Augen wird unerträglich, im Hintergrund rattern Schüsse. Die Menschen versuchen, den Platz zu verlassen, doch das ist nicht mehr möglich: Es zeigt sich, dass die Ausgänge zu allen Boulevards von Polizeikordons versperrt wurden. Wenn du gehen willst, bekommst du einen Schlag auf den Kopf. Alle drängen, die Menge wird dichter. Ich bemerke, dass die Statue der Marianne eine gelbe Weste trägt. Auf der einen Seite die Aufschrift „Oktober 2026, die Polizei verstümmelt Studenten“, auf der anderen „Oktober 1961, die Polizei ertränkt Algerier“. Eine Granate fällt in die Menge, Panik bricht aus, und wenn wir ihr nachgeben, werden wir niedergetrampelt. Ich ersticke, sehe fast nichts, kann nicht atmen. Ein Mann mit schwarzer Sturmhaube und Schwimmbrille nimmt mich unter den Arm: „Madame, geht es Ihnen gut?“ Und führt mich zur nächsten Mauer. Er zeigt mir, wie ich den Kopf halten soll, und als ich einatme, träufelt er mir Tropfen in die Augen. Man könnte aufschreien – seht nur, einer der maskierten Vandalen! Doch kurz darauf sehe auch ich ähnlich aus: das Gesicht mit einem Tuch umwickelt und statt einer Schwimmbrille zumindest eine Sonnenbrille, wenn ich durchhalten will. Kurz darauf bemerke ich, dass das Verteilen von Tropfen und Warnungen, in welche Richtung man fliehen soll, ganz gewöhnlich sind – die Menschen arbeiten zusammen, helfen einander. Während ich mich gemeinsam mit den anderen zurückziehe, bleiben am Ort nur noch die letzten Grüppchen erstickender Menschen und Gruppen junger Männer, die Steine zwischen die Polizisten werfen. Irgendwie kann ich nicht begreifen, warum eine junge Frau mit einem Kopftuch, die sich vom Boden erhebt, einen Schlag mit dem Schlagstock bekommt, und auch nicht, warum sich die Polizeikordons plötzlich gegen unsere Menge richten, während jene, die versuchen, die Schläge zurückzugeben, die Polizisten kaltlassen. Was ich jedoch sehe, ist die offensichtliche Zielrichtung der Polizei gegen Franzosen anderer Hautfarbe. Sei es darin, dass sie als die Hauptgruppen der Vagabunden dargestellt werden, oder darin, dass „farbige“ Frauen weit mehr abbekommen als wir anderen. Es ist die lange Geschichte eines tief verwurzelten Rassismus, der es der Regierung Macrons und der Polizei ermöglicht, brachiale Gewalt gegen Demonstrierende anzuwenden und sie zugleich gegeneinander aufzuhetzen. In Frankreich richtete sich nach langen Jahren des Schweigens die Aufmerksamkeit auf den Film Oktober in Paris , den 1961 ein Amateur, von Beruf Immunologe, Jacques Panijel, heimlich drehte. Die Dokumentation über die unmittelbare Polizeibrutalität gegen den Aufstand der Algerier in Paris während des Algerienkriegs war bis 2011 zensiert. Der Pariser Polizeipräfekt Maurice Papon leitete das sogenannte Pariser Massaker ein, als er eine strenge nächtliche Ausgangssperre verhängte, die nur algerische Einwanderer betraf. Auf die Demonstrierenden – etwa 40.000 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder – schoss die Polizei, schlug sie mit Schlagstöcken und warf noch Lebende in die Seine. Die Verantwortung für diese Taten räumte erst 2012 Präsident François Mitterrand ein. Dior brennt! Durch den menschenleeren Boulevard jagen Polizisten, die Menge vom Place de la République ist praktisch zerstreut, vor und hinter mir brennende Barrikaden aus Reifen und Fahrrädern. Jetzt schlängele ich mich ruhig zwischen ihnen hindurch in Richtung meiner Lieblingskneipe in der Rue Saint Denis. Ich liebe diese schöne Straße der Industrie und des Fleißes die in Paris zwischen der Avenue des Ternes und der Rue Aumont-Thiéville liegt... Die Straßenkämpfe haben sich genau dorthin verlagert. Aus dem Rauch vor dem zerstörten Monoprix tauchen die Silhouetten sitzender Obdachloser auf, die Milch trinken und Essen kauen, das die Vagabunden ihnen nach ihrem Beutezug gebracht haben. Meine Kneipe sieht geschlossen aus, doch als ich klopfe, lassen sie mich hinein und schenken mir wortlos Wein ein. Ich fühle mich wie im Wohnzimmer von Bekannten. Und wieder huscht mir Apollinaire durch den Kopf: Du stehst auf dem Zinkblech in der Schenke der Säufer Trinkst zwischen Unglücklichen Kaffee für zwei Sous... Die portugiesischen Besitzer der Kneipe sind keineswegs Unglückliche. Sie kamen als Teil der großen portugiesischen Flüchtlingswelle der 1960er und 1970er Jahre nach Paris und fühlen sich nicht wohl dabei, wenn man von ihnen als Immigranten spricht. Während der Rauch vor den Fenstern der Bar dichter wird, Böller krachen, ein Auto brennt und Verfolgungsjagden ausbrechen, senden Nachrichtenteams aus aller Welt Reportagen über den Protest gewissermaßen aus unserer Straße. In ihnen wird fast nichts über die Hunderttausenden friedlichen Demonstrierenden erwähnt, nichts von dem, was auch ich gesehen habe. Nicht erwähnt wird auch, dass der Macronismus das Land seit fast zehn Jahren zugunsten der Milliardäre ausplündert. Das Vermögen einiger der fünfhundert reichsten französischen Familien hat sich laut Attac France seit 2017 mehr als verdoppelt. Während der COVID-19-Pandemie stieg es um etwa 170 Milliarden Euro und ist um die Hälfte höher als das Gesamtvermögen der Ärmsten, achtmal höher als 1980. Frankreich hat außerdem weiterhin großen Einfluss auf die Volkswirtschaften einiger seiner ehemaligen afrikanischen Kolonien durch seine eigene Währungspolitik. Und es gehört zu den größten Waffenexporteuren der Welt. Nichts davon wird jedoch Plünderung genannt. Ich erinnere mich, wie mich Vlado Godár vor längerer Zeit im Zusammenhang mit der Zerstörung heiliger Stätten im Nahen Osten fragte, ob ich mir vorstellen könne, wie Europa auf die Zerstörung eines vatikanischen Tempels reagieren würde. Jetzt brennt auf den Champs Elysées Dior, und es scheint, als hätte die Welt noch keine größere Apokalypse erlebt. An der Plünderung und daran, wie die Polizei mit ihr umgeht, ist natürlich nichts Erhebendes. Diejenigen, deren Schaufensterdiamanten im Wert von Hunderttausenden verschwunden sind, haben sie vermutlich ebenfalls für Hunderttausende versichert. Und vor den nächsten Unruhen hat die Polizei bereits Barrikaden um sie errichtet. Was aber soll man jenen sagen, deren kleine Familienbetriebe mit zerschlagenen Scheiben endeten und deren jahrelange Arbeit sich plötzlich in Asche verwandelte? Übrigens handelt es sich sehr oft gerade um die zweite oder dritte Generation von Einwanderern aus Nordafrika oder Portugal oder aus anderen europäischen Ländern. Meine portugiesische Wirtin kommt zur Bar und verkündet: „Sie haben sich schon auf den Optiker nebenan gestürzt.“ Ich gehe auf die Straße und beobachte, wie eine etwa zehnköpfige erregte Gruppe versucht, mit einer Eisenstange das Rollgitter eines kleinen Geschäfts aufzubrechen. Meine „Predigt“ über die Schädlichkeit der Gewalt, noch dazu mit einem Glas Wein in der Hand, wäre wohl vergeblich. Und so frage ich mich nur verwundert, warum der geplante Raub die heranrollenden Polizeigruppen überhaupt nicht dazu motiviert, ihn zu stoppen und die Plünderung zu verhindern. Stattdessen stürmen sie zu einem Feuerwehrauto, in das der Aggressor angeblich Granaten wirft, wie mir eine ältere Dame neben mir erklärt. Als schließlich ein Feuerwehrmann den vermeintlichen Aggressor mit Wasser aus dem Schlauch abkühlt, stellt sich heraus, dass er ein Agent Provocateur aus den Reihen der Polizei war. Wem nützt es, die Ursachen der Proteste zu verschleiern? Es gibt keine wirksamere Waffe, mit der das Establishment und die extreme Rechte, gegen die es angeblich steht, die Zügel der Propaganda und der Macht in der Hand behalten können, als die Aufhetzung einzelner Segmente des „Pöbels“ gegeneinander. Besonders dann, wenn die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr näher rücken und schon heute über die Barrikaden hinweg klar ist, dass Zentristen und die extreme Rechte Marine Le Pens einander näherstehen als je zuvor – in dem Bedürfnis, das Kapital einiger Gruppen gegen die sogenannte radikale Linke von Jean-Luc Mélenchon und La France insoumise zu schützen. Das ist offensichtlich auch der Grund dafür, warum in unserer erschrockenen Semiperipherie die Vorstellung „verkauft“ wird, die (weißen) Protestierenden seien verrückte Bolschewiki, die danach dürsten, das ehrlich verdiente Kapital multimillionenschwerer Konzerne zu plündern, und die (schwarzen) Barbaren seien bereit, Weiße bei lebendigem Leib zu verschlingen. Das Ergebnis ist, dass selbst der durchschnittliche (tschecho)slowakische Demonstrant gegen die „Fico-Regierung“ am Computer und die Zuschauerin vor dem Fernseher in den marschierenden Menschenmengen etwas sieht, was ich einfach nicht sehen kann: lauter „Schwarze und Araber“, keine aufgebrachte (weiße) Studentenschaft und keinen Rentner! Seht ihr das nicht? Es sind Araber!!! Der kolonialisierte Geist wird sich immer übermäßig bemühen, das Gesicht seines Herrn zu bewahren, statt zu versuchen, die eigene Würde wiederzufinden – diese Worte Frantz Fanons gelten Schwarzen wie Weißen. Bei diesen Protesten geht es um die menschliche Würde Heute gehst du durch Paris, Frauen sind mit Blut gezeichnet Es war am Ende der Schönheit, nur ungern erinnere ich mich daran... Ja, es ist so, wie ich diesen Text begonnen habe. Die Ansichten darüber, was hinter den Massenprotesten in Frankreich steckt, entstehen meist auf Grundlage dessen, aus welchem Teil der modernen Welt ihre Urheber stammen. Und auch auf Grundlage dessen, wie ehrlich man sich der vollständig enthüllten Tatsache stellen kann, dass die moderne Welt in ihrer Besessenheit von Konsum, Individualismus, Arroganz und technokratischer Macht die Dichte ihres Narzissmus enthüllt hat. Während Milliardäre mit fliegenden Autos spielen und künstliche Intelligenz beginnt, dem modernen Äquivalent von Vernichtungslagern zu ähneln, wollen die Menschen von Portugal über Spanien, Frankreich, Deutschland, Albanien, Griechenland und Italien bis nach Süd- und Nordamerika, dass wir ein würdiges Leben führen können. Deshalb protestieren sie. Die Generationen haben gewechselt. Heute verstehen die Menschen, dass die Moderne nicht länger auf Wettrennen und der Vertiefung von Gräben beruhen darf, weil dies zu Frustration und Ungleichheit führt. Und deren Ergebnis ist immer Gewalt. Und schließlich Krieg. Man sollte nicht enttäuscht sein, wenn man zufällig in ein Pariser Museum kommt, um sich die Bilder seiner berühmten Revolutionen anzusehen, und auf der Straße von einer realen Revolution überrascht wird. In einer Welt, in der die Möglichkeit der Demokratie von milliardenschweren Konzernen und ihren Robotern gestohlen wurde, ist es nicht klug, sich darüber zu wundern, dass die Menschen schließlich anfangen, einfache Menschlichkeit einzufordern. „Es ist sehr wichtig zu verstehen, wer in Wirklichkeit Gewalt ausübt: diejenigen, die Leid verursachen, oder diejenigen, die sich ihm widersetzen?“ Cortázars Frage ist nicht nur philosophisch. Gegenwärtig gibt es keinen geeigneteren Ort, sie zu stellen, als in Paris vor den ältesten Einkaufspassagen der Welt, die als Symbole eines „Universums der Phantasmagorien“ entstanden und heute in ihren Grundfesten erschüttert werden. Und du trinkst jenen brennenden Alkohol wie den Schmerz des Lebens Deines Lebens, das du wie Alkohol trinkst Du willst zu Fuß nach Hause gehen und steuerst seitlich auf Auteuil zu Schlafen zwischen deinen Götzen aus Ozeanien und Guinea Es sind Christusse eines anderen Glaubens und anderer Gottesdienste Niedere Christusse dunkler Hoffnungen und Wünsche Leb wohl, leb wohl, du bist schläfrig Die Sonne, ein abgetrennter Kopf Rollt sich kugelnd fort Die Auszüge aus Guillaume Apollinaires Gedicht Zone sind in der tschechischen Übersetzung von Karel Čapek wiedergegeben. Die Autorin ist Übersetzerin, Publizistin und Essayistin Der Text entstand mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Vertretung in der Tschechischen Republik. Für den Inhalt ist der Herausgeber vollständig verantwortlich; die im Text vertretenen Positionen müssen nicht unbedingt die Haltung der Stiftung wiedergeben.
„Eines Tages müssen wir die Geschichte unserer eigenen Bedeutungslosigkeit schreiben – die Dichte unseres Narzissmus enthüllen.“
Roland Barthes, Das Reich der Zeichen
Wenn man das Wesen der Geschichte verstehen will, genügt es, Herodes mit der frühen Presse zu vergleichen, schreibt Walter Benjamin in seinem Essay Paris, Hauptstadt des 19. Jahrhunderts.
Die Ansichten darüber, was hinter den Massenprotesten in Frankreich steckt, entstehen meist auf Grundlage dessen, aus welchem Teil der modernen Welt ihr Autor/ihre Autorin stammt. Wenn Sie aus jenen europäischen Ländern kommen, in denen sich nach 1989 eine ungeheure Zahl von Menschen von der schrittweise normalisierten Vorstellung von der zivilisatorischen Universalität der euroatlantischen Welt, gleichgesetzt mit uneingeschränktem Kapitalismus, mitreißen ließ, werden Sie sehr wahrscheinlich von einer Verschwörung Chinas, Irans, der Islamisten oder Russlands sprechen, die aus dem weltweiten „Dschungel“ den „Garten Europa“ angreifen.
Wenn Sie aus Frankreich kommen oder die westlichen Metropolen schlicht nicht für ein himmlisches Café halten, in dem sich Menschen wie Baudelaires Eidechsen direkt am Eingang zum Paradies sonnen, und wenn Sie außerdem das Glück haben, sich nicht zu „fürchten“, sich den Protestierenden anzuschließen, werden Sie sagen, dass die Menschen „nur“ in der Lage sein wollen, sich Essen zu leisten, eine gute Bildung zu erhalten und keine Angst um ein Dach über dem Kopf haben zu müssen. Und wenn es nur dort wäre!
Proteste in ganz Europa und in der gesamten modernen Welt zeigen, dass die Menschen die soziale Ungleichheit, die doppelten Maßstäbe des Rechts auf „Menschlichkeit“ und die Aufrechterhaltung der gepflegten Vorstellung satt haben, der Kolonialismus sei mit der Ausrufung unabhängiger Staaten beendet worden. Und dass sie sich weigern, eine von Milliardären mit tatkräftiger Hilfe der fabrizierten Zustimmung der osteuropäischen Semiperipherie gekaperte Gesellschaft als die erträumte freie Welt für alle „Tüchtigen“ zu betrachten.
Paris ist kein Traum
Auch als ich zum ersten Mal nach Paris kam, war es Oktober. Ein wunderschöner warmer Herbst, und vom Gare du Nord ging ich direkt nach Montmartre, wo ich auf einer Bank einschlief. Eines der ersten Pariser Bilder in meinem Gedächtnis zeigt eine schwarze Frau, die unmittelbar hinter mir in Sacré-Cœur eintrat. Dringlich bekreuzigte sie sich, beugte sich zur Erde, und ich sah, dass nicht nur ihre ganze Seele betete, sondern im Zittern ihres Körpers auch alle Sehnsüchte der Menschen, deren Schicksale sie hierhergeführt hatten.
Aus der Krone glühender Flammen blickte in Chartres die Jungfrau auf mich
Das Blut eures Heiligen Herzens übergoss mich auf dem Montmartre
Ich bin davon krank, wenn ich jene gesegneten Worte höre
Die Liebe, an der ich leide, ist meine geheime Krankheit
Und das Bild, das dich besessen hat, hilft dir, Angst und Wachen zu überleben
Immer weilt bei dir das Bild, das unwiederbringlich flieht...
Mit einem Blick voller Feuer ging sie hinaus und verlor sich im Meer der Selfiesticks. An einer der Mauern leuchtete die aufgesprühte Inschrift „Paris ist kein Traum“.
Als ich am 17. Oktober dieses Jahres aus der Metro stieg, etwa zwei Stationen vom Place de la République entfernt, wo um vierzehn Uhr eine weitere der großen angekündigten Demonstrationen beginnen sollte, reihte ich mich ganz selbstverständlich in die Menge junger Menschen ein, die in dieselbe Richtung gingen wie ich. Mich überkam ein angenehmes Gefühl, als ich mir bewusst wurde, warum ich Paris vor Jahren letztlich lieben gelernt hatte. Die Stadt, in der Vorstellung der Menschen auf der ganzen Welt beinahe mythisch, war für mich nie ein „Traum“ und hatte mich auch nie besonders angezogen. Zu modern, zu bekannt, wild und rücksichtslos, zu idealisiert, zu konstruiert, chic. Ich hatte jedoch den unwiderstehlichen Zauber der Kehrseite dieses Kessels der Moderne unterschätzt, dieses Labors der europäischen Geschichte und der Kontraste, dieses Versprechens der Hoffnung für alle Ausgestoßenen der Welt.
... Tränenüberströmt siehst du die armen Emigranten abfahren
Sie glauben an Gott, Frauen beten, stillen ihre Kinder
Ihr Geruch erfüllt die Halle des Bahnhofs Saint Lazar
Wie die drei Könige glauben sie an ihren Stern, an künftigen Erfolg
Sie denken, dass sich in Argentinien ihr Schicksal ändern wird
Und dass sie nach Hause zurückkehren werden, sobald sie ein Vermögen gemacht haben
Eine dieser Familien trägt ein rotes Fähnchen, rot wie euer Herz
Dieses Fähnchen und unsere Träume sind gleichermaßen gespenstisch
Einige der Emigranten bleiben hier und verweilen
In den Schlupfwinkeln der Rue des Rosiers oder der Rue des Écouffes
Oft sah ich sie abends hinausgehen, um Luft zu schöpfen
Selten bewegen sie sich vom Fleck wie Figuren im Schach
Meist sind es Juden und ihre Frauen mit Perücken
Blutleer sitzen sie da und bewachen die dunklen Läden...
Abgesehen davon, dass die genannten Juden heute in den Schlupfwinkeln von Algeriern, Tunesiern, Senegalesen, Kongolesen oder Menschen aus der dahinsiechenden französischen Provinz abgelöst wurden, die in der erbarmungslosen Maschine der Großstadt keinen Platz finden. Es gibt kein Gedicht über die Moderne wie Apollinaires Zone (Zone).
Du bist in Paris, vom Richter verhört,
wie ein Verbrecher verhaftet und ins Gefängnis gebracht...
Es ist etwas Erhebendes in der Tatsache, dass trotz der historischen Ungerechtigkeiten und Unterschiede, die Menschen aller sozialen Schichten und Herkunft voneinander entfernen, auf den Pariser Demonstrationen genau jener Universalismus herrschte, über dessen Notwendigkeit Immanuel Wallerstein geschrieben hatte. Dies geschah zu einer Zeit, in der nach dem Morden im Irak und der faktischen Einebnung von Raqqa und Mossul klar sichtbar wurde, dass die bisherige universalistische Idee ausschließlich europäischen Ursprungs niemals gerecht sein kann – sie wird immer rassistisch und als solche potenziell faschismuserzeugend sein. Free trade, der durch Kanonenboote und computergesteuerte Bomben durchgesetzte freie Handel, wird seine Gewinne nahezu ausschließlich an die Finanzeliten Westeuropas und der Staaten des weißen Siedlerkolonialismus in Nordamerika und Australien lenken. Und die Freiheit der Arbeit wird zum Euphemismus für Sklavenarbeit.
El pueblo unido jamás será vencido
Die Menschen um mich herum fordern auf ihren Transparenten genau das, was seit einem Monat die Hauptursache der Proteste ist: bessere Bildung, bessere Bedingungen für das Wohnen, weniger rassistisch bedingten Zugang zu guten Lebensbedingungen, die Ablehnung der Herrschaft der Oligarchie und der Unterstützung der Aufrüstung. Es dominieren Studentinnen und Studenten, gut sichtbare Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sowie gelbe Westen. Menschen aus Lateinamerika bekunden ihre Unterstützung für ihre Landsleute zu Hause, die zur selben Zeit gewaltsamer Polizeirepression in Argentinien, insbesondere in Buenos Aires, ausgesetzt sind. Und wie ich später aus Quellen erfahre, die Informationen aus den Amerikas liefern, sind auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Versammlungen und Märschen in Ecuador, Kolumbien, Brasilien und den USA Repressionen ausgesetzt.
Auf dem Pariser Boulevard lassen die Menschen aus den Balkonen Tücher mit der Aufschrift „Die Künstler sind mit euch“ herab und bilden improvisierte Kammerorchester, die Aznavour, Quilapayún und die Internationale spielen. Die Gesellschaft hier ist genau das – international. Paris ist noch immer auf gewisse Weise die Hauptstadt der Welt, wie Walter Benjamin es am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nannte.
Als ich die Treppen hinauf auf den erhöhten Teil des Boulevards laufe, ist der Anblick erhebend. Die vorbeiziehende Menge nimmt kein Ende. Auf der einen Seite zeichnet sich bereits die Statue der Marianne auf dem Place de la République ab, auf der anderen Seite wälzt sich ein Fluss singender Menschen heran. Aus den Fenstern geben die zuschauenden Einheimischen Melodien vor, und die Masse unten stimmt ein. Während sich die Nachrichtensendungen der Welt bereits erste Formulierungen über gewalttätige Demonstranten und Islamisten zurechtlegen, singen die Menschen in Paris Emmenez-moi (Nehmt mich mit) von Aznavour und lassen sich zum Place de la République treiben, wo dieses Lied bereits die Orquesta del Nuevo Mundo spielt. Alle kennen seine Worte: „Nehmt mich mit ans Ende der Welt, nehmt mich mit in ein Land der Wunder…“
Über den Köpfen wehen französische Flaggen, gelegentlich auch die Flaggen anderer Staaten und hier und da eine palästinensische Fahne oder ein Transparent. Bald werde ich lesen, dass Benjamin Netanjahu Emmanuel Macron wegen seiner freundschaftlichen Erinnerung, sich bei der Auslöschung Gazas zu mäßigen, zurechtgewiesen hat – wenn du das nicht tust, kriechen sie dir bis nach Paris, willst du das?! Jetzt jedoch sehe ich, dass die Flagge Palästinas ebenso wie die anderen Fahnen ein Manifest dafür ist, dass die moderne Gesellschaft, die sich die Protestierenden wünschen, anders sein muss als die bisherige. Diese wird durch das militärische Verhältnis einer höheren Rasse und Klasse zum „Dschungel“ definiert, auf den sie aus dem Gartenpavillon zielt. Sie hatte noch keine Zeit, ihn durch die Rodung von Wäldern, die Privatisierung von Ressourcen, gentechnisch veränderte Lebensmittel, Völkermord und künstliche Intelligenz zu „zivilisieren“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte es der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt klar: „Wir werden fortfahren, sie zu töten, bis sie lernen, unseren Waffen zu gehorchen.“
Hier ertränken wir Algerier
Inmitten des Place de la République beginnt allmählich der Lärm die Orchestermelodie zu übertönen. Aus der Menge kann ich sie nicht sehen, doch es ist offensichtlich, dass die Musikerinnen und Musiker ein ähnliches Schicksal „getroffen“ hat wie uns unten. Das Brennen in den Augen wird unerträglich, im Hintergrund rattern Schüsse. Die Menschen versuchen, den Platz zu verlassen, doch das ist nicht mehr möglich: Es zeigt sich, dass die Ausgänge zu allen Boulevards von Polizeikordons versperrt wurden. Wenn du gehen willst, bekommst du einen Schlag auf den Kopf. Alle drängen, die Menge wird dichter. Ich bemerke, dass die Statue der Marianne eine gelbe Weste trägt. Auf der einen Seite die Aufschrift „Oktober 2026, die Polizei verstümmelt Studenten“, auf der anderen „Oktober 1961, die Polizei ertränkt Algerier“.
Eine Granate fällt in die Menge, Panik bricht aus, und wenn wir ihr nachgeben, werden wir niedergetrampelt. Ich ersticke, sehe fast nichts, kann nicht atmen. Ein Mann mit schwarzer Sturmhaube und Schwimmbrille nimmt mich unter den Arm: „Madame, geht es Ihnen gut?“ Und führt mich zur nächsten Mauer. Er zeigt mir, wie ich den Kopf halten soll, und als ich einatme, träufelt er mir Tropfen in die Augen. Man könnte aufschreien – seht nur, einer der maskierten Vandalen! Doch kurz darauf sehe auch ich ähnlich aus: das Gesicht mit einem Tuch umwickelt und statt einer Schwimmbrille zumindest eine Sonnenbrille, wenn ich durchhalten will. Kurz darauf bemerke ich, dass das Verteilen von Tropfen und Warnungen, in welche Richtung man fliehen soll, ganz gewöhnlich sind – die Menschen arbeiten zusammen, helfen einander.
Während ich mich gemeinsam mit den anderen zurückziehe, bleiben am Ort nur noch die letzten Grüppchen erstickender Menschen und Gruppen junger Männer, die Steine zwischen die Polizisten werfen. Irgendwie kann ich nicht begreifen, warum eine junge Frau mit einem Kopftuch, die sich vom Boden erhebt, einen Schlag mit dem Schlagstock bekommt, und auch nicht, warum sich die Polizeikordons plötzlich gegen unsere Menge richten, während jene, die versuchen, die Schläge zurückzugeben, die Polizisten kaltlassen. Was ich jedoch sehe, ist die offensichtliche Zielrichtung der Polizei gegen Franzosen anderer Hautfarbe. Sei es darin, dass sie als die Hauptgruppen der Vagabunden dargestellt werden, oder darin, dass „farbige“ Frauen weit mehr abbekommen als wir anderen.
Es ist die lange Geschichte eines tief verwurzelten Rassismus, der es der Regierung Macrons und der Polizei ermöglicht, brachiale Gewalt gegen Demonstrierende anzuwenden und sie zugleich gegeneinander aufzuhetzen. In Frankreich richtete sich nach langen Jahren des Schweigens die Aufmerksamkeit auf den Film Oktober in Paris, den 1961 ein Amateur, von Beruf Immunologe, Jacques Panijel, heimlich drehte. Die Dokumentation über die unmittelbare Polizeibrutalität gegen den Aufstand der Algerier in Paris während des Algerienkriegs war bis 2011 zensiert. Der Pariser Polizeipräfekt Maurice Papon leitete das sogenannte Pariser Massaker ein, als er eine strenge nächtliche Ausgangssperre verhängte, die nur algerische Einwanderer betraf. Auf die Demonstrierenden – etwa 40.000 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder – schoss die Polizei, schlug sie mit Schlagstöcken und warf noch Lebende in die Seine. Die Verantwortung für diese Taten räumte erst 2012 Präsident François Mitterrand ein.
Dior brennt!
Durch den menschenleeren Boulevard jagen Polizisten, die Menge vom Place de la République ist praktisch zerstreut, vor und hinter mir brennende Barrikaden aus Reifen und Fahrrädern. Jetzt schlängele ich mich ruhig zwischen ihnen hindurch in Richtung meiner Lieblingskneipe in der Rue Saint Denis.
Ich liebe diese schöne Straße der Industrie und des Fleißes
die in Paris zwischen der Avenue des Ternes und der Rue Aumont-Thiéville liegt...
Die Straßenkämpfe haben sich genau dorthin verlagert. Aus dem Rauch vor dem zerstörten Monoprix tauchen die Silhouetten sitzender Obdachloser auf, die Milch trinken und Essen kauen, das die Vagabunden ihnen nach ihrem Beutezug gebracht haben. Meine Kneipe sieht geschlossen aus, doch als ich klopfe, lassen sie mich hinein und schenken mir wortlos Wein ein. Ich fühle mich wie im Wohnzimmer von Bekannten. Und wieder huscht mir Apollinaire durch den Kopf:
Du stehst auf dem Zinkblech in der Schenke der Säufer
Trinkst zwischen Unglücklichen Kaffee für zwei Sous...
Die portugiesischen Besitzer der Kneipe sind keineswegs Unglückliche. Sie kamen als Teil der großen portugiesischen Flüchtlingswelle der 1960er und 1970er Jahre nach Paris und fühlen sich nicht wohl dabei, wenn man von ihnen als Immigranten spricht. Während der Rauch vor den Fenstern der Bar dichter wird, Böller krachen, ein Auto brennt und Verfolgungsjagden ausbrechen, senden Nachrichtenteams aus aller Welt Reportagen über den Protest gewissermaßen aus unserer Straße. In ihnen wird fast nichts über die Hunderttausenden friedlichen Demonstrierenden erwähnt, nichts von dem, was auch ich gesehen habe. Nicht erwähnt wird auch, dass der Macronismus das Land seit fast zehn Jahren zugunsten der Milliardäre ausplündert. Das Vermögen einiger der fünfhundert reichsten französischen Familien hat sich laut Attac France seit 2017 mehr als verdoppelt. Während der COVID-19-Pandemie stieg es um etwa 170 Milliarden Euro und ist um die Hälfte höher als das Gesamtvermögen der Ärmsten, achtmal höher als 1980. Frankreich hat außerdem weiterhin großen Einfluss auf die Volkswirtschaften einiger seiner ehemaligen afrikanischen Kolonien durch seine eigene Währungspolitik. Und es gehört zu den größten Waffenexporteuren der Welt. Nichts davon wird jedoch Plünderung genannt.
Ich erinnere mich, wie mich Vlado Godár vor längerer Zeit im Zusammenhang mit der Zerstörung heiliger Stätten im Nahen Osten fragte, ob ich mir vorstellen könne, wie Europa auf die Zerstörung eines vatikanischen Tempels reagieren würde. Jetzt brennt auf den Champs Elysées Dior, und es scheint, als hätte die Welt noch keine größere Apokalypse erlebt.
An der Plünderung und daran, wie die Polizei mit ihr umgeht, ist natürlich nichts Erhebendes. Diejenigen, deren Schaufensterdiamanten im Wert von Hunderttausenden verschwunden sind, haben sie vermutlich ebenfalls für Hunderttausende versichert. Und vor den nächsten Unruhen hat die Polizei bereits Barrikaden um sie errichtet. Was aber soll man jenen sagen, deren kleine Familienbetriebe mit zerschlagenen Scheiben endeten und deren jahrelange Arbeit sich plötzlich in Asche verwandelte? Übrigens handelt es sich sehr oft gerade um die zweite oder dritte Generation von Einwanderern aus Nordafrika oder Portugal oder aus anderen europäischen Ländern.
Meine portugiesische Wirtin kommt zur Bar und verkündet: „Sie haben sich schon auf den Optiker nebenan gestürzt.“ Ich gehe auf die Straße und beobachte, wie eine etwa zehnköpfige erregte Gruppe versucht, mit einer Eisenstange das Rollgitter eines kleinen Geschäfts aufzubrechen. Meine „Predigt“ über die Schädlichkeit der Gewalt, noch dazu mit einem Glas Wein in der Hand, wäre wohl vergeblich. Und so frage ich mich nur verwundert, warum der geplante Raub die heranrollenden Polizeigruppen überhaupt nicht dazu motiviert, ihn zu stoppen und die Plünderung zu verhindern. Stattdessen stürmen sie zu einem Feuerwehrauto, in das der Aggressor angeblich Granaten wirft, wie mir eine ältere Dame neben mir erklärt. Als schließlich ein Feuerwehrmann den vermeintlichen Aggressor mit Wasser aus dem Schlauch abkühlt, stellt sich heraus, dass er ein Agent Provocateur aus den Reihen der Polizei war.
Wem nützt es, die Ursachen der Proteste zu verschleiern?
Es gibt keine wirksamere Waffe, mit der das Establishment und die extreme Rechte, gegen die es angeblich steht, die Zügel der Propaganda und der Macht in der Hand behalten können, als die Aufhetzung einzelner Segmente des „Pöbels“ gegeneinander. Besonders dann, wenn die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr näher rücken und schon heute über die Barrikaden hinweg klar ist, dass Zentristen und die extreme Rechte Marine Le Pens einander näherstehen als je zuvor – in dem Bedürfnis, das Kapital einiger Gruppen gegen die sogenannte radikale Linke von Jean-Luc Mélenchon und La France insoumise zu schützen. Das ist offensichtlich auch der Grund dafür, warum in unserer erschrockenen Semiperipherie die Vorstellung „verkauft“ wird, die (weißen) Protestierenden seien verrückte Bolschewiki, die danach dürsten, das ehrlich verdiente Kapital multimillionenschwerer Konzerne zu plündern, und die (schwarzen) Barbaren seien bereit, Weiße bei lebendigem Leib zu verschlingen.
Das Ergebnis ist, dass selbst der durchschnittliche (tschecho)slowakische Demonstrant gegen die „Fico-Regierung“ am Computer und die Zuschauerin vor dem Fernseher in den marschierenden Menschenmengen etwas sieht, was ich einfach nicht sehen kann: lauter „Schwarze und Araber“, keine aufgebrachte (weiße) Studentenschaft und keinen Rentner! Seht ihr das nicht? Es sind Araber!!! Der kolonialisierte Geist wird sich immer übermäßig bemühen, das Gesicht seines Herrn zu bewahren, statt zu versuchen, die eigene Würde wiederzufinden – diese Worte Frantz Fanons gelten Schwarzen wie Weißen.
Bei diesen Protesten geht es um die menschliche Würde
Heute gehst du durch Paris, Frauen sind mit Blut gezeichnet
Es war am Ende der Schönheit, nur ungern erinnere ich mich daran...
Ja, es ist so, wie ich diesen Text begonnen habe. Die Ansichten darüber, was hinter den Massenprotesten in Frankreich steckt, entstehen meist auf Grundlage dessen, aus welchem Teil der modernen Welt ihre Urheber stammen. Und auch auf Grundlage dessen, wie ehrlich man sich der vollständig enthüllten Tatsache stellen kann, dass die moderne Welt in ihrer Besessenheit von Konsum, Individualismus, Arroganz und technokratischer Macht die Dichte ihres Narzissmus enthüllt hat. Während Milliardäre mit fliegenden Autos spielen und künstliche Intelligenz beginnt, dem modernen Äquivalent von Vernichtungslagern zu ähneln, wollen die Menschen von Portugal über Spanien, Frankreich, Deutschland, Albanien, Griechenland und Italien bis nach Süd- und Nordamerika, dass wir ein würdiges Leben führen können. Deshalb protestieren sie. Die Generationen haben gewechselt. Heute verstehen die Menschen, dass die Moderne nicht länger auf Wettrennen und der Vertiefung von Gräben beruhen darf, weil dies zu Frustration und Ungleichheit führt. Und deren Ergebnis ist immer Gewalt. Und schließlich Krieg.
Man sollte nicht enttäuscht sein, wenn man zufällig in ein Pariser Museum kommt, um sich die Bilder seiner berühmten Revolutionen anzusehen, und auf der Straße von einer realen Revolution überrascht wird. In einer Welt, in der die Möglichkeit der Demokratie von milliardenschweren Konzernen und ihren Robotern gestohlen wurde, ist es nicht klug, sich darüber zu wundern, dass die Menschen schließlich anfangen, einfache Menschlichkeit einzufordern.
„Es ist sehr wichtig zu verstehen, wer in Wirklichkeit Gewalt ausübt: diejenigen, die Leid verursachen, oder diejenigen, die sich ihm widersetzen?“ Cortázars Frage ist nicht nur philosophisch. Gegenwärtig gibt es keinen geeigneteren Ort, sie zu stellen, als in Paris vor den ältesten Einkaufspassagen der Welt, die als Symbole eines „Universums der Phantasmagorien“ entstanden und heute in ihren Grundfesten erschüttert werden.
Und du trinkst jenen brennenden Alkohol wie den Schmerz des Lebens
Deines Lebens, das du wie Alkohol trinkst
Du willst zu Fuß nach Hause gehen und steuerst seitlich auf Auteuil zu
Schlafen zwischen deinen Götzen aus Ozeanien und Guinea
Es sind Christusse eines anderen Glaubens und anderer Gottesdienste
Niedere Christusse dunkler Hoffnungen und WünscheLeb wohl, leb wohl, du bist schläfrig
Die Sonne, ein abgetrennter Kopf
Rollt sich kugelnd fort
Die Auszüge aus Guillaume Apollinaires Gedicht Zone sind in der tschechischen Übersetzung von Karel Čapek wiedergegeben.
Der Text entstand mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Vertretung in der Tschechischen Republik. Für den Inhalt ist der Herausgeber vollständig verantwortlich; die im Text vertretenen Positionen müssen nicht unbedingt die Haltung der Stiftung wiedergeben.