Menschen im Krieg, die vergessen wurden: Geschichten vertriebener Romnja in der Ukraine

Kapitál
Menschen im Krieg, die vergessen wurden: Geschichten vertriebener Romnja in der Ukraine

Etwa ein Viertel der Roma-Bevölkerung in der Ukraine – ungefähr 100.000 Männer, Frauen und Kinder – wurde seit Beginn der russischen Invasion vertrieben . Während sich europäische und internationale Organisationen bei der Unterstützung ukrainischer Geflüchteter vereinten, war die Flucht von Roma in die Staaten der Europäischen Union mit moralischer Panik verbunden. Diskriminierung und das Fehlen von Dokumenten erschwerten ihnen nicht nur den Grenzübertritt, sondern auch den Zugang zu wichtigem Schutz und anschließender Integration.

Etwa ein Viertel der Roma-Bevölkerung in der Ukraine  – ungefähr 100.000 Männer, Frauen und Kinder – wurde seit Beginn der russischen Invasion vertrieben. Während sich europäische und internationale Organisationen in der Hilfe für ukrainische Geflüchtete zusammenschlossen, war die Flucht von Roma in die Staaten der Europäischen Union mit moralischer Panik verbunden. Diskriminierung sowie das Fehlen von Dokumenten erschwerten ihnen nicht nur den Grenzübertritt, sondern auch den Zugang zu wichtigem Schutz und zur anschließenden Integration.

Eine ähnliche Geschichte ereignete sich auch in der Ukraine selbst. Viele vertriebene Roma-Familien wurden nicht in staatlichen Flüchtlingszentren aufgenommen. Mehrere Roma haben bis heute Probleme beim Zugang zu Bildung, Arbeit oder Gesundheitsdiensten. Das Ergebnis ist, dass viele Roma-Familien weiterhin auf die Hilfe von Roma-Aktivistinnen und -Aktivisten oder Nichtregierungsorganisationen angewiesen sind.

Mit Rada Kalandia sollte ich mich um zehn Uhr morgens treffen. Es war die zweite Aprilhälfte, und der sonnige Tag deutete auf die langsame Ankunft des Sommers hin, die sich jedoch hinter dem kalten Frühlingswind verbarg. In Mukatschewo, weniger als fünfzig Kilometer von der slowakisch-ukrainischen Grenze entfernt, war ich bereits den dritten Tag und hatte das Gefühl, dass die anfänglichen Gefühle von Unsicherheit und Angst allmählich von mir abfielen. Es war meine erste Reise in die Ukraine. Umso mehr überraschte mich, dass die Stadtbevölkerung scheinbar ein „gewöhnliches“ Leben führte. Etwa so gewöhnlich, wie man leben kann, wenn sich das eigene Land im Krieg befindet. In Mukatschewo waren zwar Restaurants, Cafés und Geschäfte geöffnet, doch die etwa 80.000 Einwohner zählende Stadt wirkte irgendwie leer.

Auf dem Weg zum Flüchtlingshaus kam ich an einem Denkmal für die gefallenen Soldaten und Soldatinnen aus Mukatschewo vorbei, das von Kerzen, Blumen und Kränzen umgeben war. In meinem Kopf ging ich die Fragen durch, die ich für das Gespräch mit den vertriebenen Roma-Frauen vorbereitet hatte. Obwohl man in diesem Teil der Ukraine im Frühling 2026 nur selten Sirenen hörte, konnte sich niemand über einen Mangel an Problemen beklagen. Umso weniger jene, deren eigene Identität ihre ohnehin schwierige Situation noch erschwerte.

Krisensituation

Rada Kalandia ist Verwalterin des Flüchtlingshauses in Mukatschewo und zugleich eine der vertriebenen Roma-Frauen, die kurz nach dem Beginn des großangelegten Krieges durch Russland die östlichen Regionen der Ukraine verlassen mussten. Ich war nervös, aber zugleich neugierig auf ihre Kriegserfahrungen. Mich interessierten auch die Geschichten der anderen Frauen, die im Flüchtlingshaus lebten.

Gemeinsam mit Rada betraten wir einen geräumigen Gemeinschaftsraum voller Tische, Sessel und Sofas. Er erinnerte mich an einen klassischen Speisesaal bei Schulfreizeiten und Ausflügen. Während ich meine Jacke auszog und mich an einen der Tische setzte, brachte mir Rada einen Kaffee. Da die Dolmetscherin Olena erst in einigen Minuten eintreffen sollte, verlor Rada keine Zeit und begann ohne Umschweife, die aktuelle Situation im Flüchtlingshaus zu schildern.

Garten des Flüchtlingshauses. Foto: Autor

Gleich zu Beginn sprach sie über Diskriminierung, fehlende Dokumente, Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche und in der Bildung. Als akutestes Problem bezeichnete sie jedoch die Wohnsituation. ,,Die finanzielle Unterstützung für unser Flüchtlingshaus wird bald auslaufen, aber die Menschen haben keinen Ort, an den sie zurückkehren können. Und bei den derzeit hohen Mietpreisen ist es für sie unmöglich, eine Wohnung zu mieten“, erklärte sie mir, während sich Sorge auf ihrem Gesicht abzeichnete.

Rada hat in Zusammenarbeit mit der Organisation Chiricli, die sich vor allem für die Unterstützung von Roma-Frauen und -Kindern einsetzt, seit Beginn des Krieges einer großen Zahl vertriebener Menschen geholfen. Aufgrund der abnehmenden humanitären Hilfe wurden jedoch gerade die vorübergehenden Unterkünfte für Roma besonders verletzlich.

Als die Dolmetscherin Olena zu uns stieß, erfuhr ich auch Einzelheiten. Das Flüchtlingshaus wurde bis vor Kurzem von der bereits erwähnten Organisation Chiricli unterstützt. „Das dauerte zwei oder drei Jahre. Inzwischen haben sie jedoch nicht mehr genügend Mittel, um die Finanzierung des Hauses fortzusetzen“, übersetzte Olena. Beim Blick auf die beiden Frauen wurde mir meine eigene Hilflosigkeit bewusst. Ein Gefühl, mit dem sich jede Journalistin und jeder Journalist auseinandersetzen muss, die oder der für eine Reportage in ein Kriegsgebiet kommt.

Gespräch mit Rada, Olena und vertriebenen Frauen im Gemeinschaftsraum. Foto: Autor

Inzwischen begann Rada zu schildern, was die meisten Roma seit Beginn der russischen Invasion durchmachen mussten. „Als die Bombardierung der Stadt Mariupol (ein Industriehafen im Südosten der Ukraine am Asowschen Meer, Anm. d. Autors) und der gesamten Region Donezk begann, wurden Roma-Frauen und -Kinder einfach nicht evakuiert“, behauptete Rada, und ihre Stimme verriet Frustration. ,,Die Zugverbindungen aus Mariupol und anderen Städten wurden eingestellt. Und die Menschen hatten keine Möglichkeit zu fliehen“, ergänzte Olena.

Damals reichte die Organisation Chiricli den Roma-Familien helfend die Hand, stellte Geld für Benzin oder Diesel bereit und leitete Frauen und Kinder zu sicheren Unterkünften. „Der Krieg dauert jedoch weiter an, er ist nicht vorbei“, betonte Rada.

Bewohner des Flüchtlingshauses in seinem Zimmer. Foto: Autor

Viele Menschen befinden sich noch immer in aktiven Kriegsgebieten. Und aufgrund der abnehmenden humanitären Hilfe oder fehlender finanzieller Mittel sind sie gezwungen, dort zu bleiben. „Sie können nirgendwohin gehen, weil sie wissen, dass ihnen nichts bleiben wird, wenn sie ihre Heimat verlassen“, erklärte mir eine der vertriebenen Frauen, die inzwischen zu uns gestoßen war.

Doch auch die Roma-Familien im Flüchtlingshaus von Mukatschewo haben keine Sicherheit, da ihnen der Verlust ihres Daches über dem Kopf droht. Sie haben jedoch keinen Ort, an den sie zurückkehren können.

Die Ausnahme ist in Wirklichkeit die Regel

Während meines Gesprächs mit Rada Kalandia wusste ich noch nicht, dass das, was im Flüchtlingshaus in Mukatschewo geschah, kein Einzelfall war. Einige Tage später traf ich Eleonóra Kulchar, die Leiterin der Roma-Organisation Blago in Uschhorod.

Eleonóra war eine der ersten Roma-Frauen, über die ich vor meiner Reise in die Ukraine gelesen hatte. Als sie nach dem 24. Februar 2022 sah, dass niemand den vertriebenen Roma half, eröffnete sie in Uschhorod mit Hilfe örtlicher Roma-Unternehmer das erste Roma-Flüchtlingslager, in dem sie in mehr als drei Jahren etwa 3.700 vertriebene Menschen unterbrachte. ,,Alle wussten, dass wir eine Unterkunft hatten. Alle örtlichen Behörden in den Regionen Donezk, Saporischschja, Charkiw und Lwiw hatten meine Nummer und riefen mich an“, schilderte sie mir die Situation in den ersten Monaten der russischen Aggression.

Der enorme Zustrom vertriebener Menschen erforderte auch viel Platz. Die etwa 740 Quadratmeter einschließlich Küche und Gemeinschaftsraum schlugen sich in einem hohen Mietpreis nieder. „Jeden Monat zahlten wir 5.000 Dollar Miete. Dazu kamen Strom und Wasser, insgesamt etwa 6.500 bis 7.000 Dollar jeden Monat. 7.000 Dollar“, betonte Eleonóra.

Mit der Verlängerung des militärischen Konflikts begann jedoch die Unterstützung durch Spenderinnen und Spender nachzulassen.  Im August 2025 war Eleonóra gezwungen, das Flüchtlingszentrum zu schließen. ,,Gott sei Dank! Gott sei Dank, dass die Spender uns so lange unterstützt haben“, betonte sie mit zum Himmel gerichtetem Blick und verschränkten Fingern.

Trotzdem rufen bis heute Menschen bei beiden Frauen – Eleonóra Kulchar und Rada Kalandia – an, die versuchen, die Kriegsgebiete zu verlassen. „Gestern riefen sie mich aus Lwiw an und sagten, dass Roma aus Charkiw am Bahnhof seien und fragten, ob wir sie aufnehmen könnten. Ich sagte ihnen, dass wir noch immer ein neues Flüchtlingslager aufbauen. Es bricht mir das Herz, aber ich kann ihnen nicht helfen“, verbarg Eleonóra ihre Trauer nicht.

Viele Roma-Familien müssen sich daher auf sich selbst verlassen. Besonders in Fällen, in denen die Unterstützung für Roma-Nichtregierungsorganisationen ausfällt. Während manche Glück haben und zumindest die Miete für eine kleine Wohnung aufbringen können, stehen andere nicht selten vor Sophies Wahl: Entweder kehren sie in die Kriegsgebiete zurück oder sie übernachten auf der Straße.

Bewohner des Flüchtlingshauses in seinem Zimmer. Foto: Autor

Jeder ist sich selbst der Nächste

Eine der Frauen, die vor einem solchen Dilemma steht, ist Vlasta. Eine Großmutter und zugleich Vormundin zweier Kinder, deren Sohn im Krieg ums Leben kam. Bis August 2025 lebte sie gemeinsam mit ihren Enkeln und ihrem Mann im Flüchtlingslager von Eleonóra Kulchar in Uschhorod. Als das Lager geschlossen wurde, hatte sie nicht genug Geld für die Miete. Obwohl Binnenvertriebene monatliche finanzielle Unterstützung in Höhe von 40 Euro für Erwachsene und 60 Euro für Kinder erhalten, reicht das kaum für die Sicherung der Ernährung. Deshalb kann keine Rede davon sein, dass sie sich von dieser Unterstützung eine Wohnung einschließlich einer Kaution für zwei oder drei Monate leisten könnten.

Vlasta und ihre Familie waren gezwungen, in die Stadt Slowjansk in der Region Donezk zurückzukehren, aus der sie stammen. Als sie in ihrer Heimatstadt ankamen, stießen sie statt auf Hilfe auf eine weitere Barriere. „Die Sozialbehörden von Slowjansk teilten uns mit, dass wir sofort gehen müssten“, berichtet Vlasta.

Das ukrainische Parlament verabschiedete im Februar 2026 nämlich ein Gesetz, das die verpflichtende Evakuierung von Kindern aus Gebieten mit aktiven Kämpfen anordnet. In der Praxis bedeutet das, dass staatliche Stellen Kinder ohne Zustimmung der Eltern oder Vormunde evakuieren, wenn Eltern beziehungsweise Vormunde sich weigern, Kinder aus einem Gebiet mit aktiven Kämpfen zu evakuieren, und dadurch deren Leben gefährden. Anschließend droht, dass sie den Eltern oder Vormunden weggenommen werden. Das Problem ist, dass das Gesetz nicht berücksichtigt, inwiefern wirtschaftlich verletzliche Gruppen in der Lage sind, für sich und ihre Kinder außerhalb aktiver Kriegsgebiete Unterkunft, Nahrung und Sicherheit zu gewährleisten.

Darüber hinaus haben viele vertriebene Roma in der Region Transkarpatien Probleme, Arbeit zu finden – sei es aufgrund des veränderten Umfelds, von Diskriminierung oder unzureichender Qualifikation. Die wichtigste Gruppe unter den Vertriebenen sind dabei Frauen mit Kindern, die ihre Familien finanziell nicht versorgen können. „Vergessen Sie nicht, dass nicht alle Frauen eine Ausbildung haben. Sie können nicht auf Ukrainisch schreiben“, warnte Rada Kalandia.

Kurz nach der Verabschiedung des genannten Gesetzes schrieben mehrere Menschenrechtsorganisationen einen offenen Brief an Präsident Wolodymyr Selenskyj, in dem sie ihn aufforderten, das Gesetz nicht zu unterzeichnen. Obwohl sie dem Schutz der Zivilbevölkerung zustimmten, erklärten sie, dass erzwungene Evakuierungen mit der Sicherung würdiger Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung verbunden sein müssten. Die Organisationen UNICEF und Global Child Protection Area of Responsibility (CP AoR) erklärten in einem gemeinsamen Bericht vom April 2024, dass „Schutz nicht nur physische Sicherheit bedeutet. Es geht auch darum sicherzustellen, dass Kinder mit ihren Familien verbunden bleiben, sich von Traumata erholen und sicher nach Hause zurückkehren können, wenn die Bedingungen dies zulassen“. Präsident Selenskyj unterzeichnete das Gesetz dennoch. Anfang März 2026 waren daher viele Familien, die sich nicht von ihren Kindern trennen wollten, aber wirtschaftlich nicht selbstständig waren, auf ein Leben auf der Straße angewiesen.

Ich traf Vlasta im Flüchtlingshaus in Mukatschewo. Ihre Familie hatte Glück. Als ihr drohte, gemeinsam mit den Kindern auf der Straße schlafen zu müssen, erfuhr sie über Freunde und Familienbekannte vom Flüchtlingshaus in Mukatschewo. „Rada nahm uns auf und leistete uns die notwendige Hilfe. Wir wuschen uns, aßen und konnten schlafen“, erinnerte sich Vlasta mit nostalgischer Stimme und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Ich erwiderte ihr Lächeln, doch in meinem Kopf hatte ich zahlreiche Fragen. Was wird nun aus den Frauen und ihren Kindern im Flüchtlingshaus in Mukatschewo? Wer wird ihnen helfen, wenn sie auch ihre letzte Unterkunft verlieren?

Bewohnerin des Flüchtlingshauses in ihrem Zimmer. Foto: Autor

Ohne Papiere nicht einmal Brot

,,Jeder hat seine Probleme“, stellte Vlasta fest, nachdem sie mir ihre Geschichte erzählt hatte. Das stimmt. Neben Vlasta hatte ich Gelegenheit, mit drei weiteren Frauen zu sprechen, die zum Zeitpunkt meines Besuchs im Flüchtlingshaus in Mukatschewo lebten. Obwohl sie vieles gemeinsam hatten, waren ihre Probleme unterschiedlich.

Kurz nach Beginn der russischen Aggression flohen sie nach Deutschland, wo sie den Flüchtlingsstatus und die damit verbundene notwendige Unterstützung erhielten. Vor Kurzem kehrten jedoch alle drei in die Ukraine zurück. Vom Flüchtlingshaus in Mukatschewo erfuhren sie von Freunden und Bekannten. Hier endet jedoch die Ähnlichkeit ihrer Geschichten – schließlich war bereits die Motivation für ihre Rückkehr unterschiedlich. Während Andrea vor allem ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur Rückkehr bewegte, kehrten Maria und Irina zurück, um Probleme im Zusammenhang mit Ausweisen und Dokumenten zu lösen.

Irina kam ins Flüchtlingslager, um nach Jahren der Trennung zu versuchen, ihre Kinder aus der Russischen Föderation zu holen. „2014 begann der Krieg im Donbass, und ich schickte die Kinder zu meiner Mutter nach Russland“, erklärte sie mir. Als sie die Kinder 2021 wieder zu sich holen wollte, verhinderten die russischen Behörden dies und deportierten sie für fünf Jahre. Doch auch auf ukrainischer Seite erhielt sie keine Hilfe.

Nach Februar 2022 war sie gezwungen, die Region Donezk zu verlassen. Später versuchte sie, bei dem ukrainischen Konsulat in Deutschland die Familienzusammenführung zu beantragen. Dort teilte man ihr mit, sie solle die Angelegenheit in der Ukraine klären. ,,Also kam ich in die Ukraine, aber hier will mir niemand helfen“, seufzte sie. ,,Als ukrainische Staatsbürgerin möchte ich meine Kinder zurück. Sie haben nur Geburtsurkunden“, fügte sie traurig hinzu.

Derzeit sind die ukrainischen Behörden jedoch mit der großen Zahl von Anträgen auf zivile Registrierung überlastet. Deshalb werden Fälle wie jener von Irina häufig zurückgestellt. Der Hauptgrund ist der aktuelle Krieg, durch den viele Roma und Nicht-Roma ihre Ausweisdokumente verloren haben. Im Flüchtlingslager von Eleonóra Kulchar lebten mehrere Familien, die vor Bombenangriffen fliehen mussten. „Wenn Menschen bombardiert werden, denken sie nicht daran, eine Tasche mit Dokumenten zu packen. Sie laufen einfach weg“, bemerkte Eleonóra.

Vielen Roma-Familien fehlten Dokumente jedoch infolge der langen Jahre der Segregation und der sozioökonomischen Ungleichheit. Bereits 2018 nannte ein im Rahmen der Kampagne RomaBelong veröffentlichter Bericht als einen der Hauptgründe für das Fehlen von Ausweisdokumenten bei Roma Probleme bei der Registrierung der Geburt eines Kindes. Einige Roma verfügen nicht über ausreichendes Wissen über staatliche Registrierungsverfahren, haben Angst, sich bei staatlichen Behörden zu melden, oder leben in ausgeschlossenen Gemeinschaften. Die Autorinnen und Autoren des Berichts behaupten außerdem, dass die ukrainische Gesetzgebung eine Barriere darstellt, die dazu führt, dass „Eltern ohne Dokumente die Geburt ihrer Kinder nicht registrieren können“. Dies schafft letztlich einen Teufelskreis, in dem sowohl Eltern als auch Kinder ohne Dokumente bleiben.

Rada betonte, dass die rechtliche Unterstützung für Roma-Familien eine der größten Schwachstellen sei. ,,Wenn Sie sich an staatliche Einrichtungen oder Organisationen wenden, die kostenlose Rechtsberatung anbieten, dauert es sehr lange“, erläuterte sie mir. ,,Die Familien brennen psychisch aus und verlieren das Vertrauen, weil sie nicht verstehen, warum es so lange dauert“, fügte sie hinzu. Das Fehlen von Dokumenten trägt zum begrenzten Zugang zu staatlichen Flüchtlingszentren, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten bei. Das Ergebnis ist ein Kreislauf, den wir als generationenübergreifende Armut kennen.

Eine klare Lösung, eine schwierige Aufgabe

Am vorletzten Tag meiner Reise nahm ich an einer Konferenz teil, auf der ein sozialer Atlas der Roma-Gemeinschaften für die Region Transkarpatien vorgestellt wurde. Unter der Schirmherrschaft des Büros des ukrainischen Ombudsmanns, des Europarats und des unabhängigen Fonds Chiricli wurden die aktuellen Herausforderungen vorgestellt, mit denen Roma-Gemeinschaften konfrontiert sind: von Problemen mit Wohnen und ziviler Registrierung bis hin zum Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Das Dokument enthielt alles, worüber ich mit Eleonóra, Rada und den vertriebenen Frauen gesprochen hatte.

Seine Schwäche bestand jedoch darin, dass es keine klaren und konkreten Lösungen enthielt. In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an eines der letzten Gespräche mit Rada im Flüchtlingshaus in Mukatschewo.

Sie erzählte mir, wie das Büro des ukrainischen Ombudsmanns ein neues Projekt gestartet hatte, das zur Lösung der mit der zivilen Registrierung verbundenen Probleme beitragen sollte. ,,Es sollte ein vereinfachtes System zur Registrierung von Roma sein. Aber ich habe nicht gesehen, dass es etwas vereinfacht hätte“, erklärte sie enttäuscht. ,,Den örtlichen Behörden zeigten sie zwar, wie Roma mit einem vereinfachten System registriert werden können. Die Beamtinnen und Beamten berücksichtigten das jedoch überhaupt nicht und machten weiter wie zuvor“, fügte sie hinzu. Es funktioniert nur, wenn Rada die Roma zum Amt begleitet. ,,Wenn sie allein hingehen, lösen sie nichts. Es wird weitere zwei oder drei Jahre dauern, bis sie die notwendigen Dokumente erhalten.“

Obwohl die Analysen internationaler Organisationen wichtig sind, kann man nicht über Lösungen für Probleme bei der zivilen Registrierung, beim Wohnen, bei der Bildung oder bei der Arbeitsvermittlung sprechen, ohne Roma-Aktivistinnen wie Rada einzubeziehen. ,,Wir haben Zugang zu den Gemeinschaften. Wir können sie einbeziehen, wir haben ihr Vertrauen“, betonte Rada. Schon jetzt löst sie die meisten Probleme, für die der ukrainische Staat nicht genügend Ressourcen hat oder die er schlicht aufgegeben hat.

Die Namen der vertriebenen Frauen wurden geändert, da sie anonym bleiben wollten.

Der Text ist Teil des Projekts PERSPECTIVES – einer neuen Marke für unabhängigen, konstruktiven und multiperspektivischen Journalismus. Das Projekt wird von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jene des Autors bzw. der Autorinnen und Autoren und geben nicht unbedingt die Ansichten und Standpunkte der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) wieder. Weder die Europäische Union noch die EACEA übernehmen dafür Verantwortung.