Der Geheimplan der AfD wurde geleakt. Warum setzt die Union ihn um?

Volksverpetzer
Der Geheimplan der AfD wurde geleakt. Warum setzt die Union ihn um?

Ein internes Strategiepapier der AfD beschreibt den Weg zur Macht: Polarisierung, ein unüberbrückbarer Graben zur SPD und die Annäherung an die Union. Warum übernimmt die CDU zunehmend genau jene Muster – und was bedeutet das für Brandmauer und Demokratie?

Die CDU tut derzeit nicht nur nichts gegen die rechtsextreme AfD, sie hilft ihr mit ihrer ideologischen Politik sogar aktiv bei der Umsetzung ihrer Pläne. Die AfD hatte ihnen in ihrem geleakten Strategiepapier eine passive Rolle gegeben, doch die CDU nähert sich proaktiv den Rechtsextremen an. Dabei hakt sie einen Punkt des Geheimplans nach dem anderen ab. Die CDU-Spitze muss dringend ihre gefährliche Irrfahrt in den Griff bekommen, will sie sich nicht zur direkten Mittäterin einer neuen rechtsextremen Regierung in Deutschland machen.

CDU macht Politik – für Kanzlerin Weidel?!

Die CDU ist aktuell im Umgang mit der AfD hilflos. Das ist auch keine kontroverse Feststellung mehr, Experten und die Bevölkerung sind sich da auch ziemlich einig. Nur in der CDU-Führung scheint es einfach nicht anzukommen. Alles, was sie probiert, um den Rechtsextremen Paroli zu bieten, reiht sich ein in das, was passiert ist, seit Merz gesagt hat: "Wir müssen die AfD halbieren." Nun hat er die AfD nahezu verdoppelt und dafür die CDU halbiert. Über den destruktiven Kurs der Union und ihre Schuld an den Rekordwahlergebnissen der AfD haben wir bereits ein einstündiges Video gemacht.

https://volksverpetzer.de/analyse/wie-merz-afd-verdoppelt/

Aber uns ist noch etwas anderes aufgefallen: Die CDU ist nicht nur völlig kontraproduktiv in eine starke Rechtskurve abgebogen und schafft damit mehr Probleme als sie löst. Nein, die Union setzt tatsächlich einfach nahezu eins zu eins die geheime AfD-Strategie um, die Rechtsextremistin Alice Weidel zur Kanzlerin machen soll!

Und nein, das meinen wir nicht metaphorisch, übertrieben oder polemisch. Ja, es klingt unglaublich, aber die AfD muss eigentlich gar nicht mehr viel machen, um ihre eigene Strategie umzusetzen, dafür hat sie jetzt die Union. Das Ding ist ein Selbstläufer geworden. Aber von vorne. Von was für einer Strategie reden wir eigentlich?

Der Geheimplan der AfD

Im Sommer 2025 kam ein internes Strategiepapier der AfD an die Öffentlichkeit, das von der Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch verfasst wurde. Darin beschreibt sie den Kurs der Partei, um an die Macht zu gelangen und Alice Weidel zur Kanzlerin zu machen.

Im ersten Schritt soll ein „Kulturkampf“ geführt werden. Durch eine "Polarisierung zwischen AfD und Linke" will die AfD „SPD und Grüne nach links zwingen“. Das „bürgerlich-konservative Lager“ soll vom „linken Lager“ getrennt werden, die öffentliche Diskussion soll sich auf AfD und Linke, auf "Weidel oder Reichinnek" zuspitzen. Dadurch, so die AfD-Logik, sollen SPD und Grüne "an Profil" verlieren und nach links rücken müssen, weg von der CDU.

Quelle: Politico

Gleichzeitig will sie ihre Stammwähler:innen binden. Dazu zählt das Papier „Ostdeutsche“, „Arbeiter“, „Russlanddeutsche“, „Jungwähler“ und „Menschen im ländlichen Raum“. Neue Gruppen sollen ebenfalls erschlossen werden: Frauen, die Altersgruppe Ü 60, Akademiker, konfessionelle Christen sowie Menschen mit Migrationshintergrund und aus Großstädten. Das gesellschaftliche Klima will sie so ändern, dass weniger als 50 Prozent der Bürger:innen „Angst vor der AfD haben, ein Verbotsverfahren unterstützen oder eine Zusammenarbeit mit ihr ablehnen“.

Die AfD will Deutschland unregierbar machen

Im zweiten Schritt sollen die Gegensätze zwischen Union und SPD „unüberbrückbar“ gemacht werden. Durch den „Linksruck“ der SPD soll Einigung in wichtigen Punkten in der Koalition unmöglich werden. Die AfD träumt hier von einer "Ampel 2", verbildlicht den geplanten Bruch zwischen den Koalitionspartnern in einer Präsentation zur Strategie auch noch mit einem etwas albernen Blitz zwischen Klingbeil und Merz. Ganz und gar nicht albern, sondern höchst gefährlich: Die AfD will Deutschland gezielt unregierbar machen.

Quelle: Politico

Im finalen dritten Schritt soll der Union ihr „Markenkern Soziale Marktwirtschaft“ streitig gemacht werden. Die AfD möchte „Wählergruppen der Union ansprechen“ und die „Angst vor Stimmverlusten an die AfD erhöhen“. Sie möchte sich für die CDU anschlussfähig machen, indem sie Anträge einbringt, die gut zum CDU-Programm und ihren Wählenden passen. Der Fokus soll auf einer Migrations- und Wirtschaftswende liegen.

Es soll um Wirtschaftswachstum ohne Klimaschutz, Wohlstand, Migration und Innere Sicherheit gehen. Themen sollen gesetzt werden, die die CDU mittragen kann, die SPD aber nicht. Über diesen Punkt lächelt Alice Weidel. Denn das Ziel von all dem ist klar: Am Ende will die AfD an die Macht. Mit der CDU als Juniorpartnerin, solange es alleine nicht reicht.

Ganz schön heftiger Plan also. Er zeigt, dass die AfD kein Interesse daran hat, sich konstruktiv an unserer Demokratie zu beteiligen. Sie will spalten, hetzen, zerschlagen – ihr einziges Ziel ist Macht. Auch wenn der Preis dafür die Stabilität und Handlungsfähigkeit Deutschlands ist. Die AfD-Fans Putin oder Trump freut es.

Die Union setzt diese Strategie mit um

Aber was hat da jetzt die Union mit zu tun? Die ist in diesem Plan zwar zentral, allerdings als ziemlich passive Spielfigur, von der die einen abgerückt werden sollen und der sich die anderen anbiedern wollen.

Aber dieser Plan von 2025 ist schon lange nicht mehr nur ein Plan. Wir sind mitten drin. Und die CDU ist plötzlich bei der Umsetzung ganz vorn mit dabei. Die Union setzt den Masterplan zur Macht der AfD einfach direkt um. Nein, wirklich. Schauen wir uns das an:

Fangen wir doch wieder von vorn an, Punkt eins. Sicherlich, der aggressive Kulturkampf ging und geht von der AfD aus, er ist ihr Markenkern. Von Storch spricht auch öffentlich und wörtlich davon, einen „Kulturkampf“ zu führen. In ihren Programmen steht klipp und klar, dass sie selbst bestimmen will, was „richtige“ Kultur und damit förderwürdig ist – ganz nach dem Vorbild Viktor Orbáns.

Es geht aber nicht nur um die Kultur im Sinne von Kunst und Hochkultur. Der Kulturkampf bezieht sich auch auf die erweiterte Kultur-Definition als Lebensweise. Die AfD bekämpft gezielt Themen wie die Rechte queerer Menschen, Migration, Feminismus, Klimaschutz, Veganismus und so weiter, die sie einer links-grünen Bubble zuschreibt. Indem sie diese Themen extrem polarisiert und Menschen mit einer progressiven Haltung dazu als Feindbilder aufbaut, versucht sie, die Gesellschaft an diesen Linien zu spalten.

Aber wer macht bei diesem Kulturkampf gegen links fleißig mit und normalisiert ihn damit? Genau, die Union.

Dafür gibt es etliche Beispiele aus den vergangenen Jahren. Einmal ist die Union so weit nach rechts gerutscht, dass sie mit ihrer Migrationspolitik einfach mehrfach gegen geltendes Recht an den deutschen Grenzen verstoßen hat, ohne daran irgendetwas Falsches zu finden. Den ganzen Rechtsruck in Migrations-, Sozial- und Klimapolitik unter Merz haben wir euch hier aufgeschrieben.

https://volksverpetzer.de/analyse/dobrindt-migrationspolitik-10-punkte/

Aber es sind gerade auch die Aussagen, die Linke, Grüne und alle, für die sie sich einsetzen, diskreditieren, die zum Kulturkampf beitragen. Die peinliche und abwertende Debatte über die Pride-Flagge auf dem Bundestag samt „Zirkuszelt“-Vergleich des Kanzlers. Merz’ Gepoltere gegen "grüne und linke Spinner" ("Links ist vorbei"). Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der einen Kulturkampf gegen die AfD forderte, wird stattdessen immer wieder ein konservativer Kulturkampf vorgeworfen. Er wetterte im Merz'schen Stil in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung gegen eine angebliche „öko-sozialistische Empörungskultur“.

Weimer schloss drei linke Buchhandlungen vom Deutschen Buchpreis aus, ohne die Informationen vorzulegen, auf die er sich berief. Ihm wird vorgeworfen, die Kunstfreiheit infragezustellen, weil er davon spricht, dass der Staat in der Kultur nur das fördere, was er für richtig halte. Institutionen und Einzelpersonen aus dem Kulturbereich äußern immer wieder die Sorge, bei kritischen Themen keine Förderung mehr zu erhalten.

Weimer verbot das Gendern in seiner Behörde und „empfahl“ das auch anderen öffentlich geförderten Institutionen.

Rechter Kulturkampf? Die Union ist dabei!

Auch auf die ganz großen Kulturkampf-Debatten springt die CDU mittlerweile zuverlässig mit auf. Von der Kampagne gegen die damalige Anwärterin auf das Amt als Verfassungsrichterin, Frauke Brosius-Gersdorf, ließ sie sich regelrecht einfangen. Am Ende wurde eine von ihnen selbst vorher als fähig eingestufte Kandidatin nicht gewählt.

https://volksverpetzer.de/analyse/brosius-gersdorf-union-kampagne-manipuliert/

Aber auch zu fragwürdigen Kommentaren über den ermordeten Charlie Kirk ließen sich einige CDUler hinreißen. Eigentlich sollte es ja möglich sein, eine öffentliche Erschießung zu verurteilen, ohne den Rechtsextremen und seine rassistischen, menschenverachtenden und Verschwörungsgläubigen Aussagen zu verharmlosen.

Stattdessen betonten die Statements von Carsten Linnemann und der Jungen Union, wie sich Kirk für Meinungsfreiheit eingesetzt habe. Einsatz für die Meinungsfreiheit. Von einem Rechtsextremen, der bewusst mit Relativierung des Holocausts, der Abwertung Schwarzer Menschen und Anti-Säkularisierung provozierte. Der eben nicht faire Debatten förderte, sondern rassistische und rechtsextreme Diskurse als solche tarnte. Das muss uns die Union nochmal erklären. Und erst recht die Bundestagsabgeordnete Caroline Bosbach, die ihn in einem später gelöschten Post gar "Kämpfer für westliche Werte" nannte.

https://volksverpetzer.de/analyse/hayali-recht-rechtsextrem-charlie-kirk/

Die „innere AfD“ der CDU

Es gibt auch immer noch CDUler, die Herz und Verstand nicht im rechten Kulturkampf verloren haben, wie den früheren CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz, der das Attentat ebenfalls verurteilte, aber auch sagte: „Trotzdem adelt es nicht die Ansichten des Ermordeten“ und daraufhinwies, dass Kirk gerade von Rechtsextremen zum Märtyrer gemacht werde.

Doch die CDU hat immer mehr Probleme, eine Tendenz im Zaum zu halten, die der Journalist Bernd Ulrich in einem Kommentar für die Zeit als ihre „innere AfD“ beschreibt. Ein sehr lesenswerter Artikel, in dem Ulrich analysiert, in den vergangenen Jahrzehnten hätten Adenauer, Kohl und Merkel viel Energie darauf verwendet, „dass die reaktionäre, nationalistische, ressentimentgeladene Seite der CDU (und von uns allen?) nie zum Tragen kommt“. Merz schafft das nicht (mehr?) – und ist ja selbst Teil des Problems, das Merkel unterbinden wollte.

Und das ist verheerend. Denn das Erstarken dieser Seite der CDU führt dazu, dass sie, ob bewusst oder unbewusst, die Strategie der AfD selbst ausführt. Denn beim Kulturkampf hört es nicht auf.

Der Graben zur SPD

Die CDU unterstützt den Kulturkampf gegen alles Links von ihr nicht nur, sie arbeitet auch fleißig am „unüberbrückbaren“ Graben zur SPD. Denn das ist ein Teil der AfD-Strategie, der sich anders entwickelt hat, als von der Partei geplant. Der Kulturkampf rückt eigentlich niemanden nach links. SPD und Grüne sind in den vergangenen Jahren ebenfalls nach rechts gerückt (man denke nur an den "im großen Stil abschieben"-Kanzler Scholz). Selbst für die Linke sieht man in einer Analyse der Wahlprogramme einen Anstieg rechter Forderungen nach 2017.

Da aber die CDU auch so fleißig nach rechts rückt, nicht nur in Wahlprogrammen, sondern auch in ihrer ganz konkreten Politik und in ihrer Rhetorik, öffnet sich trotzdem der von der AfD erwünschte Graben innerhalb der schwarz-roten Koalition. Denn die CDU überschreitet langsam Linien, über die auch die SPD nicht folgen will. Das zeigt sich zum Beispiel am Protest der SPD-Fraktion gegen die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten Tobias Rausch in Sachsen-Anhalt. Die SPD protestiert – während die CDU erst verzweifelt versucht, die zusätzlichen Stimmen für Rausch, die mutmaßlich aus ihren Reihen kommen, anderen unterzuschieben, und dann anscheinend ihre Fraktion vor die Tür schicken muss, damit von denen nicht irgendwer auch noch einen Neonazi zum Ministerpräsidenten wählt. Weil die CDU nicht einmal das mehr garantieren kann.

Die AfD ist also weiterhin auf dem Weg ihres Strategiepapiers – nur eben rechts statt links rum. Das funktioniert aber auch nur, weil sich die CDU so stark von ihr nach rechts treiben lässt, dass sie den Graben in der Koalition selbst produziert, obwohl die SPD ihr nach rechts gefolgt ist.

Der Anschluss an die AfD

Womit wir beim dritten Schritt des AfD-Plans wären: der Anschlussfähigkeit an die Union. Die AfD will die „Wählergruppen der Union ansprechen“ und bei der Partei Angst vor Stimmenverlusten verbreiten. Sie benötigt eine Stimmung im Land, bei der möglichst wenig Menschen die AfD und Koalitionen mit ihr stark ablehnen oder sie verbieten wollen. Sie will die CDU mit Anträgen unter Druck setzen, die nah an den CDU-Interessen sind, mit der SPD aber nicht möglich wären.

Das mit der Angst vor Stimmenverlusten hat definitiv schon mal geklappt. Je tiefer die Balken der Umfrage- und Wahlergebnisse der CDU sinken, umso näher rückt sie an die AfD heran. Obwohl exakt diese Nähe der Grund für ihre sinkende Zustimmung ist, auch wenn das in der Unionsspitze niemand wahr haben will. Und schon wieder nimmt die Union der AfD auch noch Arbeit ab bei ihrem Plan.

Die Liste der Gruppen, die die AfD erreichen will, deckt sich nahezu mit den Bevölkerungsgruppen, die Kanzler Merz immer wieder vergrault und beleidigt: Frauen, Rentner:innen, Menschen mit Migrationshintergrund, Arbeiter:innen, junge Menschen – von einer Strategie, diese Menschen an die CDU zu binden, kann keine Rede sein. Stattdessen nutzen er und die CDU sie als Legitimation für rassistische Aussagen (Frauen), stellen ihre finanzielle Grundlage infrage und wollen, dass sie mehr arbeiten (Rentner:innen), wollen sie aus dem Stadtbild entfernen (Menschen mit Migrationshintergrund), unterstellen ihnen Faulheit und Bequemlichkeit (Arbeiter:innen) und vergraulen junge Menschen gleich auf vielen verschiedenen Ebenen.

Die CDU stürzt ihre eigene Brandmauer

Da dieses Verhalten auch von den Wähler:innen abgestraft wird, klammert sich die CDU an die letzte Macht-Möglichkeit: den Sturz der Brandmauer zur AfD. Ach hups, das ist ja genau das wichtigste Ziel der AfD‑Strategie. Genau so war es geplant. Ob es die mutmaßlichen vier CDU-Abgeordneten sind, die für den AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt gestimmt haben, oder ein gemeinsamer Antrag von AfD und CDU gegen Stolpersteine im sächsischen Heidenau – die CDU reißt gerade von sich aus, teilweise ganz ohne Not, Steine aus der Brandmauer. Und diskutiert offen darüber, ob es nicht langsam reicht mit dem Ausschluss der Rechtsextremen von der Macht. Seit 1945 ist ja vielleicht auch genug Zeit vergangen?

Ganz aktuell können wir dabei zusehen, wie die CDU noch einen weiteren Baustein für eine blau-schwarze Koalition gefunden hat: die Dämonisierung der Linken bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin. Ja, es gibt ernst zu nehmende Antisemitismusvorwürfe gegenüber der Linken. Aber in keiner Welt rechtfertigen sie das, was seit Wochen in konservativen und rechten Kreisen los ist: Markus Söder (CSU) fordert eine „Brandmauer nach links“, der rechtsradikale WELT-Autor Ulf Poschardt sieht in der Linken „die größte Gefahr für die politische Kultur der Bundesrepublik seit 1949“, der CDU-Abgeordnete Christoph Ploß spricht von einem „absoluten Dammbruch“. Die Junge Union will SPD und Grüne für die Koalitionsgespräche mit den Linken gesellschaftlich ächten. Eine Vehemenz, die man bei der (gesichert) rechtsextremen AfD zuweilen vergeblich sucht. Die LINKE wird hingegen übrigens nicht mal vom Verfassungsschutz beobachtet – anders als die AfD.

Geht es der Union wirklich um Antisemitismus?

Zumindest vordergründig sind es zwei Gründe, derentwegen die Union so hohl dreht: zum einen die Vergesellschaftungspläne großer privater Wohnungsbestände der Linken, die SPD und Grüne wohl mittragen würden. Das löst bei Merz & Co. solche Panik aus, dass man am liebsten schnell Vergesellschaftungen einfach verbieten will. Die Union stellt daher die LINKE-Forderungen paradoxerweise als verfassungsfeindlich dar – was sie NICHT sind, wenn auch rechtlich nicht unumstritten – und fordert stattdessen, Vergesellschaftungen zu verbieten – was ironischerweise verfassungsfeindlicher sein dürfte als die Forderungen der LINKE.

Das zweite sind eben die Antisemitismusvorwürfe. Abgesehen von, wie zuvor erwähnt, ernst zu nehmenden Problemen mit Antisemitismus bei den Linken, ist der theatralische Aufschrei der Union geradezu heuchlerisch. Denn offensichtlich ist Antisemitismus kein migrantisches oder linkes Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Und der ganze angebliche Kampf für die Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland wirkt dann doch recht fad, wenn man sich anschaut, wie Friedrich Merz erst im September Antisemitismus als „die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“ bezeichnete, eine Aussage, die Jüdinnen und Juden per se als Nicht-Deutsche verortet – was selbst als ziemlich antisemitisch kritisiert werden kann.

Die CDU Berlin ist mit ihrem Fördermittel-Skandal vor zwei Jahren der Grund, warum seit 2024 die Gelder für die Förderung von Antisemitismusprävention nicht in vollem Umfang ausgeschüttet werden können. Und der zuletzt beim Deutschlandtag der Jungen Union gezeigte Schriftzug "Nie wieder ist jetzt" in Bezug auf die Linke Berlin instrumentalisiert den Holocaust für die eigenen politischen Ziele. Der Satz wurde von Überlebenden des Holocausts geprägt. Neben den Millionen Jüdinnen und Juden saßen in den Konzentrationslagern auch Linke, Sozialdemokraten und Kommunisten. Die Gleichsetzung des NS-Regimes mit einer rot-rot-grünen Regierung verhöhnt alle seine Opfer. Um all das könnte sich die Union kümmern, wenn es ihr wirklich um Antisemitismus und den Schutz jüdischen Lebens gehen würde. Es ist ein Irrweg der Christdemokraten, der gerade in dieser Zeit besonders schmerzt.

So entsteht schon der Verdacht, dass es der CDU doch mehr um die Macht und das Verhindern linker Politik geht (schließlich wäre sie der andere mögliche Koalitionspartner für SPD und Grüne). Und diese Dämonisierung der Linken hat noch eine ganz andere Funktion: Sie trägt zur Gleichsetzung der rechtsextremen AfD und der in keiner Weise als extremistisch eingeschätzten Linken bei. Die CDU hat zu beiden Unvereinbarkeitsbeschlüssen, was immer mehr zu Problemen bei der Regierungsbildung führt. Während sie in Thüringen noch lieber mit den Linken als mit der AfD Abmachungen trifft, scheint das im Nachbarland Sachsen-Anhalt schon anders auszusehen.

Die CDU zerreißt sich immer mehr über der Brandmauer-Frage und ein Diskurs, der die Linke als zu „extremistisch“ zum Koalieren framt, der hilft auch, Zusammenarbeit mit der AfD zu normalisieren. Bremens CDU-Landeschef hat es schon öffentlich formuliert: Wenn SPD und Grüne auf Grundlage eines Bekenntnisses gegen Antisemitismus und zum Existenzrecht Israels mit der Linken koalieren können, warum sollte die CDU dann nicht das Gleiche mit der AfD tun?

Eine „Brandmauer nach links“ zu erfinden, die dann prompt vermeintlich „eingerissen“ wird (es gab und gibt etliche Koalitionen, in denen die LINKE geräuschlos beteiligt war, in Thüringen regierte sie sogar zwei Legislaturperioden), hilft, das eigene Übertreten solcher Grenzen zu legitimieren. Nur, dass AfD und Linke einfach nicht gleichzusetzen sind! Nicht nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes, nicht nach dem, was man in Parteiprogrammen findet, und es ist eine irre Diskursverschiebung, darüber überhaupt sprechen zu müssen! Und bei all dem lachen sich die Faschisten der AfD ins Fäustchen.

Die CDU muss ihre rechtsradikale Seite in den Griff bekommen

Aber damit sind wir wieder bei der AfD-Strategie, die von der CDU so einwandfrei umgesetzt wird. Sie hat den Rechtsruck mit vorangetrieben, der vermutlich auch Wähler:innen von SPD und Grünen zu den Linken gebracht hat. Die eigene Stiftung attestiert, dass Merz’ Abstimmung mit der AfD nicht nur die CDU schwächte, sondern auch die LINKE stärkte.

Damit ist sie mitverantwortlich für die immer schwieriger werdenden Regierungsbildungen, für die sich viele, zum Teil sehr unterschiedliche Parteien zusammenfinden müssen. Und mittlerweile ist sie selbst mittendrin dabei, die Anschlussfähigkeit zur AfD herzustellen. Mit tatsächlicher und mutmaßlicher Zusammenarbeit bei Anträgen und Wahlen, mit Diskussionen, ob man die Brandmauer überhaupt noch braucht, mit dem Aufbau eines falschen Gleichsatzes von AfD und Linke und mit ziemlicher Arbeitsverweigerung beim AfD-Verbotsantrag.

Die CDU zerstört sich selbst – für die AfD

Die CDU kämpft gerade an vorderster Front für das Ziel der AfD, dass weniger als 50 Prozent der Bürger:innen die AfD verbieten wollen, sie als Gefahr wahrnehmen oder eine Zusammenarbeit mit ihr ablehnen sollen. Im Übrigen sind 57% der Deutschen für eine Prüfung der AfD durch das Bundesverfassungsgericht und 68% sehen sie als Gefahr für die Demokratie.

Wie konnte es so weit kommen? Es ist wohl, wie Bernd Ulrich schreibt, das Erstarken der reaktionären, nationalistischen Seite der CDU, die Führungspersonen wie Angela Merkel unter Kontrolle hatten und die unter Merz’ Geisterfahrt aus dieser Kontrolle zu geraten scheinen. Eine Seite, die auch in einer Kontinuität mit einer nicht vollständigen Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg steht.

Es ist verdammt wichtig, dass die CDU diese Seite wieder in den Griff bekommt, will sie sich nicht zur Mittäterin einer neuen rechtsextremen Regierung in Deutschland machen. Und wenn schon nicht das Ziel ist, dass zum zweiten Mal Konservative als Steigbügelhalter für Faschisten dienen, dann wäre es im ureigenen Interesse der Union, diesen Irrweg zu beenden. Denn sie zerstört sich damit letztlich auch selbst.