Die Wahrheit über die Gen-Z-Proteste, die die Medien verschweigen!
Volksverpetzer
Aus dem Kontext gerissene Bilder, Warnungen vor Gewalt und politische Schuldzuweisungen prägten die Debatte über die Gen-Z-Proteste. Was geschah tatsächlich, welche Rolle spielten Medien und Polizei – und warum gerieten die Forderungen junger Menschen dabei so schnell aus dem Blick?
Ja, sorry, da haben wir geflunkert. Nein, dieses Bild aus dem Titelbild ist NICHT bei einem der Gen-Z-Proteste am vergangenen Samstag entstanden, sondern im Juli dieses Jahres bei Ausschreitungen in Düsseldorf nach einem Fußball-WM‑Spiel. Aber vielleicht ist dir das nicht sofort aufgefallen, oder? Deswegen umso besser, dass du Artikel anklickst und nicht nur durch aus dem Kontext gerissene Bilder und Behauptungen hereinfällst. Denn ja, solche Bilder, wie sie am Samstag teilweise echt entstanden sind, sind gar nicht so ungewöhnlich und bei so manchen Fußballspielen sogar völlig normal – ohne dass es einen kollektiven Aufschrei gibt. Aber eins nach dem anderen. Wir haben die „echten Bilder“ versprochen. Also: So sahen die Bilder der Gen-Z-Proteste in Hamburg oder Frankfurt a. M. aus, die wir live vor Ort selbst gemacht haben:


Ja, das sieht überhaupt nicht spektakulär und ehrlich gesagt ziemlich langweilig aus. War es aber eben auch größtenteils. Wahrscheinlich ist die Wahrheit doch komplexer, als es manche Medien und Politiker:innen vermuten lassen. In diesem Artikel zeigen wir dir einen differenzierten Blick auf die Gen‑Z‑Proteste. Wir versuchen einzuordnen, wie die mediale Debatte aussieht und wie gut oder auch weniger gut einige Medien darüber berichtet haben. Deshalb auch unser satirischer Aufhänger mit dem falschen Titelbild. Dazu kommen wir später noch mal. Außerdem ordnen wir Narrative von Politiker:innen und Medien ein, damit du erfährst, was am Samstag WIRKLICH vorgefallen ist. Und wer die Debatte verzerrt, um dich zu manipulieren.
Was ist am Samstag bei den Gen-Z-Protesten wirklich passiert?
Aber von vorn: Am Samstag, den 31. Oktober, gab es in über 30 Städten Proteste. Zu den Protesten aufgerufen hatte die Gruppe „Gen Z regelt“. „Gen Z regelt“ will nach eigenen Angaben nicht länger dabei zusehen, wie ohne sie über ihre Zukunft entschieden wird. In einem anderen Artikel haben wir zusammengefasst, was man bisher über die (noch sehr neue) Gruppe weiß.
Weil wir jetzt, so wie alle anderen auch, viel über die Reaktionen auf den Protest schreiben werden, hier noch einmal die Forderungen der Gruppe. Denn die gehen gerade in der Instrumentalisierung unter.
- Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie
- dass das Leben bezahlbar ist
- eine gerechte Verteilung der Lasten und kein Sparen bei der jungen Generation
- keine Wehrpflicht
- Schutz der Grundrechte und kein Ausbau der „Überwachung“
- mehr Klimaschutz
In den Tagen vor den Protesten hatten mehrere CDU-Politiker:innen ohne Grundlage vor Ausschreitungen bei den Protesten gewarnt. Der innenpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Alexander Throm, erklärte anlasslos dem Handelsblatt, dass die Demonstrationen nicht von "linksextremistischen Kräften und Kriminellen aus dem migrantischen Milieu“ gekapert werden dürften. Der hessische Innenminister Roman Poseck sah es als „besonders besorgniserregend“ an, „dass die Proteste auch von Linksextremen unterwandert werden, die ihrer Gewalt freien Lauf lassen". Diese haltlosen (!) Vorwürfe ordnen wir hier später ein.
Es gab berechtigte Kritik im Vorfeld
Es gab aber auch berechtigte Kritik an der Organisation. Auch die Bundesschülerkonferenz sowie ehemalige Unterstützer:innen wie der Influencer und Student Gianni Matheja distanzierten sich von „Gen Z regelt“. In beiden Statements taucht der Gewaltbegriff auf. Jedoch wird in beiden Stellungnahmen nicht thematisiert, inwiefern konkret von „Gen Z regelt“ eine Gewaltbereitschaft ausgeht.
Wir konnten im Vorfeld keine konkreten Aufrufe oder Pläne zu Gewalt seitens der Initiative erkennen. Was aber bekannt ist: Die „Gen Z regelt“-Bewegung distanziert sich auf ihrer Webseite klar von Gewalt: „Gegen jede Gewalt: Unser Protest ist friedlich, ohne Ausnahme“, steht auf der Startseite.
Vertreter:innen der Gruppe kritisierten bereits im Vorfeld der Proteste, dass sich der Diskurs über die Proteste um potenzielle, gewaltvolle Ausschreitungen drehe statt um die Forderungen der Gruppe. Somit werde der Eindruck, dass sie nicht ernst genommen werden, laut einem Organisator der Demonstration in München bestätigt.
Und siehe da: Bundeskanzler Friedrich Merz bestätigt heute genau diesen Eindruck. Merz sieht es auch nach den Protesten nicht für notwendig an, etwas an seiner Politik zu ändern. „Der Bundeskanzler fühlt sich bestärkt darin, dass seine Politik fortgesetzt wird“, erklärte der Regierungssprecher Stefan Kornelius am Montag gegenüber der dts Nachrichtenagentur.
Hunderttausend haben friedlich in ganz Deutschland demonstriert
Zählt man die offiziellen Zahlen zusammen, kommt man auf eine mindestens mittlere fünfstellige Anzahl an Gen‑Z‑Demonstrant:innen. Die Veranstalter sprechen von 120.000 Teilnehmenden. Zehntausende, hauptsächlich junge Menschen, haben am Samstag friedlich in ganz Deutschland demonstriert.
In fünf der über 30 Demonstrationsstädte kam es zum Ende der Demonstrationen und danach zu Ausschreitungen. Wichtig: Oft hatten die Ausschreitungen nichts mit den eigentlichen Gen-Z-Protesten zu tun, wie auch die Polizei selbst sagte. Das waren die Großstädte Frankfurt, Berlin, Köln, Hamburg und Stuttgart. Es wurde Pyrotechnik gezündet, Barrikaden wurden errichtet und Polizist:innen angegriffen. In Frankfurt randalierten nach Auflösung der Demo noch Menschen, die Schaufenster einschlugen und Läden plünderten. Diese Randale ging nach aktuellem Stand überall hauptsächlich von verschiedenen Gruppen außerhalb der Demonstrant:innen aus, die später dazukamen.
So erschreckend und verurteilenswert die Bilder auch sind: Es ist nichts völlig Neues in Deutschland. Und noch kein Beweis, dass die Gen-Z-Proteste besonders gewalttätig gewesen sein sollten. Obwohl sie teilweise wirklich gar nichts mit den jeweiligen Vorfällen zu tun hatte. Und man darf nicht vergessen: Gleichzeitig war Halloween. Randalen mit Attacken auf Einsatzkräfte zur Halloween-Nacht gab es schon in vergangenen Jahren. Und bei welchem anderen, deutlich häufigeren Event wird regelmäßig Pyrotechnik gezündet und werden Polizist:innen mit Gegenständen beworfen? Genau, nach Fußballspielen.
Derartige Ausschreitungen sorgen sonst selten für Schlagzeilen und Diskussionen
Das Bild, das wir im Titelbild benutzt haben, um dich dazu zu bringen, diesen Artikel zu lesen (sorry nochmal dafür^^), stammt zum Beispiel von Ausschreitungen in Düsseldorf nach dem WM-Spiel Kanada gegen Marokko. Gewalt und Pyrotechnik sind nach Fußballspielen regelmäßig der Fall. So regelmäßig, dass Forscher feststellen konnten, dass zwischen 2011 und 2015 die Anzahl der Gewaltdelikte an Fußballspieltagen im Vergleich zu anderen Tagen um 21,5 Prozent anstieg. 8 Prozent der Gewaltdelikte in den betroffenen Gemeinden standen in Zusammenhang mit Fußballspielen, was Kosten von 194 Millionen Euro verursachte. Ein erheblicher Anteil des Anstiegs ließ sich durch Übergriffe von Fangruppen auf Polizeibeamt:innen erklären.
Auch aktuellere Berichte zeigen, dass immer wieder gewalttätige Gruppen rund um Fußballspiele übelste Schlägereien anzetteln, bei denen auch Steine fliegen können. Positiv: Zumindest in der Saison 2024/2025 ist die Zahl der Verletzten im Rahmen von Fußballspielen zurückgegangen. Dafür ist der Einsatz von Pyrotechnik deutlich angestiegen.
Gewalt ist immer verurteilenswert und das wollen wir hier nicht kleinreden. Wir wünschen uns friedliche Demonstrationen und Fußballspiele, bei denen niemand zu Schaden kommt, und wir sollten als Gesellschaft daran arbeiten. Aber: Hat nach den Ausschreitungen in Düsseldorf jemand gefordert, keine Fußballspiele mehr in Deutschland zu genehmigen? Wird Fußballfans pauschal unterstellt, gewaltbereite Hooligans zu sein? Wurde vor, während und nach dem Spiel so laut über mögliche und tatsächliche Gewalt debattiert, dass das Ergebnis des Spiels kaum noch zu hören war?
All das ist nämlich bei den Gen-Z-Demos passiert.
Deshalb haben wir hier mit diesem Aufhänger versucht, diesen Vergleich zu ziehen.
Verbotspartei CDU reagiert auf die Gen-Z-Proteste
Nach den Krawallen in Düsseldorf hat niemand gefordert, Fußballspiele zu verbieten. Bei „Gen Z regelt“ hat es dagegen keine zwei Tage gedauert, bis Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) die nächsten Proteste infrage gestellt hat. Für den 20. November sind weitere Demos angekündigt. In den ARD-Tagesthemen sagte Poseck, man müsse erst einmal sehen, „ob diese Veranstaltungen am 20. November überhaupt so stattfinden könnten“.
Die Verantwortung schiebt er den Organisator:innen zu: „Die Versammlungsleiter haben diese Versammlungen nicht im Griff.“ Die Ausschreitungen seien für ihn eine „Initialzündung für eine härtere Gangart“. Jetzt stell dir mal vor, ein Innenminister sagt das nach dem nächsten Bundesligaspiel mit Pyro und Flaschenwürfen über die Vereine. Der Aufschrei wäre riesig. Aber bei Jugendlichen, die für bessere Schulen und gegen die Wehrpflicht auf die Straße gehen, kann man das ja offenbar machen.
Diese Doppelmoral im Umgang mit Gewalt zeigt sich am besten an Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU). Als im August beim Pokalspiel Waldhof Mannheim gegen Kaiserslautern Pyrotechnik flog, der Platz gestürmt wurde und 35 Polizist:innen verletzt wurden, lud Hagel zum Krisentreffen mit den Vereinen und lobte die bestehenden „Stadionallianzen“. Vor der Gen-Z-Demo, bei der noch gar nichts passiert war (!), wollte derselbe Hagel gegen einen angeblich „gewaltbereiten Mob [... ] mit aller Härte des Rechtsstaates zurückschlagen“. Mit gewalttätigen Fußball-Hooligans wird also geredet, Jugendlichen wird gedroht, noch bevor sie überhaupt irgendetwas gemacht haben.
Rassistische Hetze aus der Union mit AfD-Begriffen
Und auch die Frage nach den Schuldigen, war für Politiker aus der Union schnell geklärt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) machte in der Bild am Sonntag „gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“ verantwortlich. Poseck zog nach, und setzte nochmal einen drauf: Die Täter hätten "überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit", die Tätergruppe sei aber "überwiegend migrantisch geprägt." Es ist entsetzlich, wie sehr in der Union versucht wird, das falsche, rassistische und verfassungsfeindliche Feindbild der rechtsextremen AfD zu legitimieren. Hier wird zuerst ein Migrationshintergrund unterstellt, und dieser dann sogleich kriminalisiert. Das ist nur einen Schritt vor der faschistischen „Remigration".
Wer für bessere Schulen und gegen die Wehrpflicht auf die Straße geht, steht schon vorher unter Linksextremismus-Verdacht. Wer seit drei Generationen in Deutschland lebt und einen deutschen Pass hat, gilt trotzdem als „migrantisch geprägt“. Aber wer davon träumt, Millionen Menschen verfassungsfeindlich zu „remigrieren“, auch deutsche Staatsbürger:innen, ist ein besorgter Bürger, dessen Sorgen man ernst nehmen muss? Die Union hat ihren demokratischen Kompass verloren.
Polizei: Randalierer und Gen-Z-Proteste hätten „keinen Bezug"
Dazu kommt: Die Polizei in Köln hat zum Beispiel ausdrücklich gesagt, zwischen den Randalierern und den Demonstrierenden bestehe „kein Bezug“. Und dass Migration Kriminalität erklären würde, ist ein Mythos, den die Forschung längst widerlegt hat. Ausschlaggebend sind Alter, Geschlecht und soziale Lage, nicht die Herkunft. Aber das will man in der Union nicht mehr hören. Und wiederholt stattdessen die rechtsextreme Propaganda der AfD:
Dass die aus dem Kontext gerissenen Bilder, die überproportionale Reaktion und das Feindbild wenig mit der Realität vor Ort zu tun hat, sollte inzwischen klar sein. Und dass hier nur ein Playbook abgespielt wird, und keine ernsthafte Reaktion auf die Realität erfolgt, erkennt man daran, dass das Narrativ schon fertig war, bevor überhaupt jemand auf der Straße war.
Am 27. Oktober warnte der CDU-Innenpolitiker Alexander Throm im Handelsblatt, die Demos könnten von Linksextremisten und „Kriminellen aus dem migrantischen Milieu gekapert“ werden, und sprach von einer „unheilvollen Allianz“. Genau das Gleiche hat Dobrindt nach den Demos fast wortgleich wiederholt. Und Dobrindt schafft es sogar, sich gleich selbst zu loben: „Gewaltexzesse wie in Paris wurden dank unserer hoch engagierten Polizeikräfte verhindert.“ Praktisch, denn so geht die Rechnung immer auf: Gibt es Krawalle, hatte man mit den Warnungen recht. Bleibt es friedlich, dann nur dank der harten Polizei. Verlieren kann man mit dieser Erzählung eigentlich nie.
Kein Totalversagen bei den Medien in Bezug auf das rechte Narrativ
Nun sind leider auch Bilder entstanden, die den CDU-Politikern beim Verbreiten dieses Narrativs helfen, indem man sie aufbauschen und in falschen Kontext setzen kann. Womit wir bei der Rolle der Medien wären.
Die sorgten schon im Vorhinein an vielfacher Stelle dafür, dass die Proteste von Vornherein nur mit möglicher Gewalt in Verbindung gebracht wurden. Bevor ein einziger Mensch der Gen-Z-Bewegung auf der Straße war, wurden Artikel mit brennenden Straßenblockaden bebildert. Die unseriöse Bild schoss natürlich wieder den Vogel ab und bot dem Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, die Bühne, die Demonstrant:innen als „Krawallmigranten“ zu beschimpfen, und ihnen von vornherein „keine Gnade“ anzukündigen.

Dennoch erlebten wir kein Medienversagen, wie so oft bei weitverbreiteten rechtsradikalen Narrativen. Von der Berichterstattung am Samstagabend und Sonntag waren wir in einigen Fällen positiv überrascht: Viele Medien, wie der Ticker der hessenschau, berichteten differenziert und betonten, dass die Krawalle von demofremden Gruppen auszugehen scheinen. Auch, dass die Demos zum größten Teil friedlich waren, findet sich in vielen Überschriften. Selbst die GdP bekam sich in den Griff (vielleicht lag es auch daran, dass diesmal der Vorsitzende Andreas Roßkopf gefragt wurde) und stellte klar: "Gen Z sind nicht verantwortlich für die Gewalt."


Kritik an Polizeigewalt, aber auch Nachplappern rechter Narrative
Auch Polizeigewalt, die die Veranstalter:innen den Beamt:innen vielerorts vorwerfen, wurde in der Berichterstattung aufgegriffen. Nicht nur von der taz, auch ein WDR-Reporter kritisierte den unverhältnismäßigen Einsatz eines Wasserwerfers.
Im neuen Medienparadies leben wir natürlich bei weitem nicht. Je länger die Debatte andauert, desto mehr spiegeln sich gewaltfokussierte und rassistische Narrative in den Schlagzeilen und Titelbildern wieder. Der Merkur behauptet in seiner Überschrift "„Gen-Z“ dreht an Halloween durch" einfach das Gegenteil vom offiziellen Statement der Polizeigewerkschaft und erwähnt die friedlichen Demos nicht mal.

Nebenbei wird dann auch noch bei t-online seltsamerweise in einem Pro & Contra darüber diskutiert, ob Dobrindts Rassismus wirklich einer sei. Rassistische Narrative werden hier gleichgestellt mit einer fundierten Meinungsäußerung. Das ist genau die Diskursverschiebung, die sich die Rechten wünschen.
Damit wir nicht in die Falle tappen, in die uns die Dobrindts und Merze von Anfang an locken wollten, ist wichtig, im Kopf zu behalten: Die Bilder der friedlichen Demos, der laute, kreative und zurecht wütende Protest der jungen Generationen werden nicht weniger wahr, legitim und wichtig, durch die jetzt überall verbreiteten Fotos von Gewaltexzessen.
Wir waren auch vor Ort: So haben wir das mit eigenen Augen gesehen
Auch aus unserem Team haben Redakteurinnen Demos in Frankfurt und Hamburg beobachtet. Natürlich haben wir irgendwann mitbekommen, dass es ungemütlich wurde. Was wann warum von wem aus eskalierte, ist, selbst wenn man vor Ort ist, gerade alleine, ohne Team kaum zu überblicken. Was wir aber definitiv erlebt haben, waren Tausende junge Menschen, die ihre Wut in produktive Bahnen gelenkt haben. Die sich zusammengetan haben, um ihr demokratisches Demonstrationsrecht auszuüben. Demoleitungen, die immer wieder aufgefordert haben, ihren Kritiker:innen nicht die Bilder zu geben, die sie haben wollen.
Natürlich ist Gewalt ein wichtiges Problem, das angegangen werden muss. Wir wollen die nächste Demonstration beobachten können, ohne dass um uns herum plötzlich Böller fliegen oder Polizist:innen Schlagstöcke auspacken. Aber die Ursache von Gewalt sind nicht Gen-Z-Demos oder schon gar nicht pauschal „Migranten“. Sie hat vielschichtige Ursachen, zu denen auch Lebensumstände, gesellschaftliche Entwicklungen und Sozialisierung zählen. Apropos Sozialisierung: Sinnvoller, als über "migrantische Gewalt" zu reden, wäre es wohl, über männliche Gewalt zu sprechen. Die ist nämlich sowohl bei Ausschreitungen rund um Fußballspiele, als auch beim Randalieren in der Innenstadt überrepräsentiert.
Es gibt sinnvolle Ansätze, um Gewalt zu verringern. Die sind aber nicht so schön plakativ, wie Demoverbote zu fordern. Im Hinblick auf Übergriffe auf die Polizei von Fußballfans fragen die Studienautoren zum Beispiel, "ob die derzeitige Polizeistrategie der Abschreckung durch eine große Einsatzstärke wirksam ist" und empfehlen mehr deeskalierendes, vermittelndes Verhalten der Polizei.
Härte und (Vor)Verurteilung sind genau das, wogegen protestiert wird!
Ganz abgesehen von der Rolle der Polizei bei den konkreten Gen-Z-Protesten, wird es nicht helfen, die Bewegung in Geiselhaft mit jeglichen Gewalttaten nach ihren Protesten zu nehmen und sie mit größter Härte zu versuchen, zu unterdrücken. All das bestätigt die jungen Menschen nur darin, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen, und wird den Unmut verstärken. Verständlicherweise: Niemand spricht darüber, Fußballspiele wegen nachfolgender Gewalt zu verbieten, und keine noch so chaotische und gewaltvolle Silvesternacht hat in Deutschland bisher zu einem Pyrotechnikverbot geführt. Bei allem Respekt: Sollte das Grundrecht, zu demonstrieren, nicht höher hängen, als das Recht, sich zum Jahresende die Hände wegzuballern? Hier noch ein paar Eindrücke von vor Ort:


Fazit
Am Samstag waren die ersten großen Demos einer Bewegung, die gerade mal ein paar Wochen alt ist. Dass da nicht alles glatt läuft, die Strukturen noch wackeln und niemand so genau wusste, was passiert, ist erst mal nicht ungewöhnlich. So entstehen Proteste in der Anfangsphase oft, nämlich aus „informellen Netzwerken, persönlichen Kontakten und digitalen Kommunikationsstrukturen“, wie der Konfliktforscher Julien Grimm von der FU Berlin erklärt. Bei Fridays for Future war das am Anfang auch nicht anders.
Was jetzt aber definitiv nicht hilft: die ganze Bewegung und alle künftigen Demos unter Generalverdacht zu stellen. Der Protestforscher Florian Staudt nennt das ein „falsches Signal“. Und der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat schon vor der Demo auf das eigentliche Problem hingewiesen: „Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden. Jetzt wollen sie auf die Straße, und die erste Reaktion der Politik ist Abwehr.“
„Wir haben das Gefühl, dass man auf die Jugend scheißt.“
Genau das ist ja der Kern der Proteste. Junge Menschen haben das Gefühl, dass ihre Anliegen nicht gehört werden. Ein Organisator aus München hat es vorab ziemlich deutlich formuliert: „Wir haben das Gefühl, dass man auf die Jugend scheißt.“ Wenn die Antwort darauf Verbotsdebatten und Herkunftsdiskussionen sind, dann bestätigt man dieses Gefühl nur. Die Bundesschüler:innenkonferenz warnt bereits, dass am Ende „die Energie wegbleibt, an Protesten teilzunehmen“. Dann hätten wir eine Generation, die sich engagieren wollte und gelernt hat, dass es sich nicht lohnt.
Dabei wäre es gar nicht so schwer. „Ihre Fragen verdienen Antworten – und ihre Stimme muss in der Politik Gewicht haben“, hat Burkhard Jung (SPD), Präsident des Deutschen Städtetags, schon vor der Demo gesagt. Und gerade die Städte könnten da jetzt vorangehen. Beim Fußball funktioniert es ja auch: Da setzt man sich mit den Vereinen an einen Tisch, statt Spiele zu verbieten. Warum also nicht auch mit den Organisator:innen, mit Polizei und Städten vor dem 20. November – dem nächsten Termin, an dem Demos stattfinden sollen?