Während man medial Panik vor Linken schiebt, stoppt die Antifa den nächsten Nazi-Anschlag
Volksverpetzer
Ein geplanter Anschlag auf eine Unterkunft für Geflüchtete wird verhindert, während die öffentliche Debatte vor allem vermeintliche Gefahren von links thematisiert. Wie schnell entstehen rechtsextreme Netzwerke, wer stoppt sie – und warum bleibt die wachsende rechte Gewalt weitgehend unbeachtet?
Während Politik und Medien nach dem Sieg der Partei Die Linke in Berlin wegen angeblichem Linksextremismus und jetzt noch der vermeintlich 'gewaltbereiten' Gen-Z-Proteste durchdrehen, planen rechtsextreme Terrornetzwerke quasi ständig relativ unbemerkt Anschläge. Während wir uns medial mit rechten Feindbildern ablenken lassen, bleibt bei der immer größeren rechtsextremen Gewalt der Aufschrei aus. Du hast wahrscheinlich nicht mal davon mitbekommen: Erst vor wenigen Tagen wurde ein rechtsextremer Anschlag in letzter Sekunde verhindert. Übrigens nicht durch die Polizei, sondern durch eine antifaschistische Gruppe, wie Exif enthüllte.
Rechter Anschlag wird in letzter Sekunde vereitelt
Am Freitagabend, den 30. Oktober 2026, kauft ein 15‑Jähriger aus Wahlstedt, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, an einer Tankstelle Benzin. So schildert es die antifaschistische Recherchegruppe Exif, der der Chatverlauf vorliegt. Nicht viel, nur einen kleinen Kanister. Gegen 19 Uhr will er mit dem vollen Benzinkanister sein Elternhaus verlassen. Sein Ziel: eine Unterkunft für Geflüchtete in Winsen (Luhe). Tage zuvor hat er in einer Chatgruppe geschrieben, was er sich von der Tat erhofft: "dass da wenigstens Einer verreckt, ne. Sonst lohnt sich das finde ich auch gar nicht." [sic]
Er kommt nicht weit. Nach Angaben der antifaschistischen Recherchegruppe Exif wird er noch vor der eigenen Haustür von einer Gruppe Antifaschist:innen aufgehalten. Sie erklären ihm, dass sie seinen Plan kennen und er stehen bleiben müsse, bis die Polizei eintrifft. Er bleibt stehen. Die Polizei bestätigt später, dass er mit dem Benzinkanister vor dem Haus angetroffen wurde. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem die Vorbereitung einer terroristischen Straftat vor. Noch einmal gut gegangen, aber diese Taten sind kein Einzelfall.
Gewaltbereite rechte Netzwerke entstehen in wenigen Tagen
Der 15-Jährige war Mitglied der WhatsApp-Gruppe „Terror 18“ (18 ist Code für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets, also „A“ und „H“ – die Initialen von Adolf Hitler). Laut Exif wurde sie erst Anfang September gegründet und wuchs innerhalb weniger Tage auf 43 Mitglieder, verteilt über halb Deutschland. Aufnahmebedingungen waren ein Bekenntnis zur Gewaltbereitschaft. Dafür wurden auch Beweistaten auf Video eingefordert. In der Gruppe kamen täglich bis zu 1000 Nachrichten zusammen. Bei Exif findet ihr einige Transkripte besonders harter Sprachnachrichten. Aber Achtung: Trigger-Warning! In dieser WhatsApp-Gruppe plante er die Tat zusammen mit einem 19‑Jährigen aus Winsen, der nur wenige Straßen entfernt von der Unterkunft wohnt.
Schon Tage vorher soll der 19‑Jährige einen Stein durch ein Fenster der Unterkunft geworfen haben. Ein Video davon liegt dem NDR vor. Auch gegen den 19‑Jährigen ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Und Terror 18 ist nicht die einzige Gruppe dieser Art. Solche rechtsextremen Netzwerke entstehen schnell: Bei Terror 18 lagen zwischen Gründung und geplantem Anschlag keine acht Wochen. Viele zerfallen genauso schnell wieder, doch dann gründen sich neue, teilweise mit denselben Leuten. Weniger werden es nicht. Denn hinter den Jugendlichen stehen oft erwachsene Neonazis, die gezielt junge Menschen anwerben, um sie weiter zu radikalisieren. Diese Netzwerke entstehen nicht zufällig. Sie werden gezielt aufgebaut.
Deutschland hat ein anderes Feindbild
Eine bundesweite Debatte blieb trotzdem aus. Denn Deutschland hat medial angeblich gerade ein viel größeres Problem: die Gefahr von links. Oder um es in den Worten von Alexander Dobrindt zu sagen: "Wir merken ja, dass der Linksextremismus verstärkt zurück ist.“ Was er damit meint, ist eigentlich unklar. Unionsfraktionschef Thorsten Frei nannte die Berliner Linke aus dem Nichts nach ihrem Wahlsieg „eine eklatante Gefahr für unsere Sicherheit". Und vor den Gen-Z-Protesten wollte Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel gegen einen angeblich „gewaltbereiten Mob [...] mit aller Härte des Rechtsstaates zurückschlagen“, bevor überhaupt irgendetwas passiert ist. Und ist es dann auch nicht wirklich. Während die erste gesichert rechtsextreme Regierung in Sachsen-Anhalt seit 1945 droht.
Der meiste Terror kommt von rechts
Rechte Anschläge hingegen bekommen diese Aufmerksamkeit nicht. Als im Sommer Brandsätze auf eine Unterkunft in Berlin-Hellersdorf flogen, in der 385 Menschen leben, blieb der Aufschrei aus. Denn tatsächlich haben wir in Deutschland nach wie vor ein massives Extremismusproblem. Es ist aber vor allem ein rechtes. 2025 ist das Personenpotential im Rechtsextremismus laut dem Verfassungsschutz noch einmal deutlich um rund 17 Prozent gestiegen.
Und es war davor schon extrem hoch! Auch die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten ist auf 15.600 angestiegen. Kein Wunder, denn von insgesamt 85.837 politisch motivierten Gewalttaten – so viele wie nie! – machen Rechte DIE HÄLFTE aus und Linke nur knapp 16 Prozent. Die politisch rechtsmotivierten Gewaltstraftaten sind 2025 sogar noch einmal um sieben Prozent auf fast 1.600 gestiegen. Natürlich ist linksextremistische Gewalt auch ein Problem, (und auch ein Problem mit Antisemitismus in der Partei „Die Linke”), aber die Rechten spielen in einer ganz eigenen Liga. Und die mediale Debatte spiegelt nicht die Realität wider.
Ausgerechnet Alexander Dobrindt, der im selben Atemzug vor der “wachsenden Bedrohung” von links warnte, sagte bei der Vorstellung der Zahlen: “Die mit Abstand meisten Delikte wurden allerdings von rechten und rechtsextremen Tätern verübt, was wiederholt zeigt, dass die größte Gefahr aktuell vom Rechtsextremismus ausgeht.” Justizministerin Stefanie Hubig nannte Rechtsextremismus “die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht”. Die Regierung weiß es eigentlich.
Rechte Gewalt tötet
Der eigentliche Unterschied steht aber nicht in der Straftatenstatistik, sondern in den Todesanzeigen. Die Amadeu Antonio-Stiftung zählt mindestens 224 Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung. Die Bundesregierung erkennt davon offiziell nur einen Bruchteil an: 87 vollendete Tötungsdelikte im Bereich PMK-rechts für 1990 bis 2023. Das OEZ-Attentat in München mit neun Toten wurde erst drei Jahre später als rechtsextrem eingestuft. Der NSU mordete über Jahre, Walter Lübcke wurde auf seiner Terrasse erschossen, in Halle und Hanau starben Menschen, weil Rechtsextremisten sie töten wollten.
Und es hört nicht auf: Allein für 2025 wurden dem BKA bereits sechs versuchte Tötungsdelikte im Bereich PMK-rechts gemeldet, darunter versuchte Morde in St. Wendel, Neuwied, Ilmenau und Friedberg. Die unabhängigen Opferberatungsstellen dokumentierten für 2025 3.167 rechte, rassistische und antisemitische Angriffe mit 4.298 Betroffenen und zwei Todesopfern. Im Rekordjahr 2024 waren es neun Todesopfer. Das sind täglich zwölf Menschen, die wegen ihrer Herkunft, ihrer Sexualität oder ihrer politischen Haltung angegriffen werden. Mehr als die Hälfte der Angriffe ist rassistisch motiviert. Die Angriffe auf politische Gegner stiegen um 22 Prozent auf 663.
Und die Unterkünfte, vor denen der 15-Jährige aus Wahlstedt stehen wollte? Die werden ständig angegriffen. 2024 zählte die Bundesregierung 255 politisch motivierte Straftaten gegen Geflüchtetenunterkünfte, fast fünf pro Woche, der höchste Wert seit 2017. Allein im vierten Quartal 2025 kamen 33 weitere dazu, neun davon Gewaltdelikte, plus 204 Straftaten gegen Geflüchtete außerhalb ihrer Unterkunft, 25 Verletzte, darunter ein Kind. Das sind keine Einzelfälle. Das ist Alltag.
Die Antifa verhindert regelmäßig Schlimmeres
Umso ironischer ist es, dass der Anschlag in Winsen von genau den oft so verteufelten „Linken“ bzw. sogar von der „Antifa“ verhindert wurde. Dabei ist das kein Zufall. Der Historiker Richard Rohrmoser hat die Geschichte der Antifa wissenschaftlich aufgearbeitet. Laut ihm fungieren antifaschistische Bündnisse oftmals als Frühwarnsystem und schaffen es, dank lokaler Recherche und Aufdeckung rechtsextreme Straftaten zu vereiteln. Damit schließen sie in Teilen sogar Lücken, die von offiziellen Geheimdiensten einfach offengelassen werden. Wir haben es gerade erst gesehen.
Die Debatte so unverhältnismäßig auf echten oder vermeintlichen Linksextremismus zu fokussieren, verzerrt nicht nur die Realität, es ist auch extrem gefährlich. Denn rechter Terror ist real und riesig, und darüber wird ohnehin schon viel zu wenig berichtet. Jede verzerrte Schlagzeile, die Gefahren von links unverhältnismäßig aufbläst, verdrängt eine Schlagzeile über echte Neonazis, die Anschläge planen. Die Menschen Gewalt antun und töten. Wer so die Gefahren verzerrt, sorgt dafür, dass die eigentliche Bedrohung aus dem Blick gerät. Und die kommt weniger von links, sondern überwiegend von rechts. Und sie hat mit der AfD einen parlamentarischen Arm, der droht, die Macht zu ergreifen.